Die Eisenbahn hat in der Schweiz einen besonderen Stellenwert. Pünktlich, zuverlässig, umweltfreundlich – das Schweizer Bahnsystem gilt international als Vorbild. Doch auch ein bewährtes System braucht von Zeit zu Zeit eine Aktualisierung. Der nächste grosse Schritt ist längst eingeleitet: Die Digitalisierung des Bahnverkehrs. ERTMS bildet dabei das Rückgrat. Die Südostbahn bringt nicht nur ihr technisches Know-how ein, sondern übernimmt aktiv Verantwortung für die Weiterentwicklung der Systeme und positioniert sich damit einmal mehr als Innovationsträgerin. Sie möchte die europäische Zugsteuerungstechnologie auf der Strecke zwischen Biberbrugg und Arth-Goldau einführen. Die gewonnenen Erkenntnisse fliessen direkt in die Planung künftiger Umsetzungen in der Schweiz ein.
ERTMS – ein europäisches Grossprojekt mit Schweizer Beteiligung
Hinter dem Kürzel ERTMS verbirgt sich das «European Rail Traffic Management System» – ein standardisiertes System zur Zugsteuerung und -sicherung. Europa und die Schweiz möchten den grenzüberschreitenden Bahnverkehr vereinfachen, Sicherheitsstandards harmonisieren und die Effizienz auf den Strecken erhöhen. ERTMS besteht aus zwei zentralen Komponenten: dem Zugbeeinflussungssystem ETCS (European Train Control System) und der mobilen Bahnkommunikation. Gemeinsam sollen sie in die Jahre gekommene Technologien ablösen, die zum Teil noch aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammen – darunter Relais-Stellwerke und Mobilfunkstandards der 1990er-Jahre. In der Schweiz koordiniert das Bundesamt für Verkehr (BAV) die Einführung des ERTMS. Die Strategie ist klar: Ein modernes, interoperables Bahnsystem, das europaweit funktioniert – und das mit einem Zeithorizont bis ins Jahr 2060.
«Durch die neuen Möglichkeiten werden für Personen- und Güterzüge optimale Geschwindigkeitsprofile berechnet, was die Kapazität der Strecke erhöht.»
Daniel Kesseli, Projektleiter ERTMS bei der Südostbahn
Führerstandsignalisierung statt Aussensignale
Ein weiteres zentrales Element ist die Führerstandsignalisierung (FSS). Sie ersetzt klassische Aussensignale entlang der Strecke. Statt Signale am Streckenrand zu beachten, erhält das Lokpersonal alle relevanten Informationen direkt auf einen Bildschirm im Führerstand – in Echtzeit, unabhängig von Sichtverhältnissen oder Kurven. FSS ermöglicht eine präzisere Steuerung der Züge und diese können mit kürzeren Zeitabständen zueinander verkehren. Zugleich steigen Sicherheit und Energieeffizienz. Durch die neuen Möglichkeiten werden für Personen- und Güterzüge optimale Geschwindigkeitsprofile berechnet, was die Kapazität der Strecke erhöht. Die Technologie wurde bislang vor allem auf Hauptstrecken und Hochgeschwindigkeitsverbindungen eingesetzt. Doch für die erfolgreiche Einführung im ganzen Land müssen auch Nebenstrecken berücksichtigt werden – mit all ihren Besonderheiten. Hier kommt die Südostbahn ins Spiel: Sie zeigt auf, wo gezielt Anpassungen vorgenommen werden müssen, damit sich die neue Technologie sinnvoll, erfolgreich und wirtschaftlich einsetzen lässt.
Teststrecke Biberbrugg–Arth-Goldau: Herausforderungen als Chance
Die SOB prüft FSS und den modernen Bahnmobilfunkstandard FRMCS (Future Railway Mobile Communication System) auf ihrer Strecke zwischen Biberbrugg und Arth-Goldau – einer Strecke, die wie geschaffen ist für ein solches Projekt. Kurvige Abschnitte, Gefälle bis zu 50 Promille, eingleisiger Betrieb und zahlreiche Bahnübergänge: Was andernorts als Herausforderung gilt, ist hier Standard. Das Projekt liefert praxisnahe Erkenntnisse, die nicht nur für die SOB, sondern für die gesamte Bahnbranche relevant sind. Besonders die Integration der neuen Technologie in bestehende Betriebsabläufe ist komplex. Ursprünglich war angedacht, den Bahnhof Biberbrugg zu teilen – eine Hälfte klassisch mit Aussensignalen, eine mit FSS. Doch das hätte die betriebliche Flexibilität zu stark eingeschränkt. Stattdessen erfolgen die Levelwechsel nun auf freier Strecke – ein anspruchsvolles, aber zukunftsweisendes Vorgehen.
Konkrete Folgen für den Betrieb – und für die Fahrgäste
Ein greifbares Beispiel für die Auswirkungen der Digitalisierung ist der Betrieb bei Bahnübergängen. Heute basiert die Auslösung der Schranken mit fix installierten Elementen und einer fest definierten Zeit. Durch die Führerstandsignalisierung lässt sich der Zeitpunkt der Auslösung optimieren – abhängig von Geschwindigkeit und Bremsleistung. Das Ergebnis: Die Schranken öffnen und senken sich zeitoptimiert. Das reduziert Wartezeiten im Strassenverkehr und erhöht gleichzeitig die Pünktlichkeit der Züge – ein Gewinn für alle. Auch bei der Kapazitätsplanung zeigt sich das Potenzial: Auf der Bahnstrecke zwischen Biberbrugg und Arth-Goldau verkehren hauptsächlich moderne Triebzüge mit hervorragenden Bremswerten. Damit können im Gefälle von 50 Promille dank FSS spezifische Bremskurven berechnet werden – das ermöglicht eine bessere Ausnutzung der Kapazität. Ein entscheidender Vorteil in einem Land mit intensiv genutztem Bahnnetz.
Kommunikation der Zukunft: FRMCS löst GSM-R ab
Während FSS die Zugsteuerung digitalisiert, bringt FRMCS die Kommunikation ins 5G-Zeitalter. Das bestehende GSM-R basiert auf dem alten 2G-Standard und stösst zunehmend an seine Grenzen. Gerade in Tunneln oder abgelegenen Regionen ist eine stabile, unterbruchfreie Verbindung essenziell. Auf der SOB-Bahnstrecke wird FRMCS unter realen Bedingungen eingesetzt – mit allen Zulassungen, Sicherheitsstandards und betriebsrelevanten Funktionen. Die neue Technologie sorgt für eine lückenlose, schnelle Kommunikation zwischen Fahrzeugen, Leitstellen und Infrastruktur. Sie ist die Grundlage für den digitalen Bahnverkehr der nächsten Jahrzehnte.
Ein Gemeinschaftsprojekt mit Verantwortung
Die Einführung des ERTMS ist ein nationales Vorhaben – mit internationaler Dimension. Bund, Kantone, Bahnunternehmen und Industrie arbeiten dabei Hand in Hand. Der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) spielt eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der ERTMS-Strategie in der Schweiz. Der VöV hat das Forum Umsetzung ERTMS institutionalisiert, das die Zusammenarbeit zwischen Bahnunternehmen und der Industrie fördert. Das Forum trifft sich regelmässig, um die Umsetzung der ERTMS-Strategie zu steuern und zu überwachen, und sorgt dafür, dass die Implementierung des ERTMS betrieblich nutzbringend, wirtschaftlich und kosteneffizient erfolgt. Dies soll die Wettbewerbsfähigkeit der Bahn erhöhen. Der VöV veröffentlicht regelmässig Berichte über die Fortschritte bei der Umsetzung der ERTMS-Strategie, die unter www.voev.ch/Umsetzung-ERTMS nachzulesen sind.
Für Reisende: spürbare Verbesserungen im Alltag
Auch wenn viele der Veränderungen zunächst im Hintergrund stattfinden – sie haben direkten Einfluss auf den Alltag der Fahrgäste. Pünktlichere Züge, weniger Verspätungen, besser koordinierte Anschlüsse und effizientere Betriebsabläufe sind konkrete Resultate der Digitalisierung. Die Instandhaltung profitiert ebenfalls, denn dank digitaler Überwachung lassen sich Fehler frühzeitig erkennen, Wartungsarbeiten vorausschauend planen und Ausfälle minimieren. Das senkt langfristig die Kosten und erhöht die Zuverlässigkeit im täglichen Betrieb. Für viele wird ERTMS kaum sichtbar sein, aber deutlich spürbar. Und genau darin liegt die Stärke dieser Entwicklung: Sie verbessert das System Bahn grundlegend, ohne den Komfort zu beeinträchtigen, und stärkt die Rolle der Bahn als Rückgrat einer nachhaltigen, verlässlichen Mobilität. ERTMS ist aber noch viel mehr als nur ein technisches Update. Es steht für eine grundlegende Erneuerung des Bahnsystems. Die Digitalisierung ermöglicht nicht nur mehr Züge auf den gleichen Strecken, sondern auch eine energieeffizientere Fahrweise. Automatisierte Steuerung, Echtzeitdaten und optimierte Fahrprofile senken den Energieverbrauch und damit auch die CO₂-Emissionen. Das macht die Bahn noch umweltfreundlicher, und dies in Zeiten, in denen nachhaltige Mobilität immer wichtiger wird.
Fazit: Die Südostbahn als Gestalterin der Mobilität von morgen
Die Digitalisierung des Schienenverkehrs ist ein Marathon, kein Sprint. Mit ERTMS wird in den nächsten Jahrzehnten eine technologische Grundlage geschaffen, die den europäischen Bahnverkehr zukunftsfähig macht. Die Südostbahn gestaltet diesen Wandel aktiv mit – und nimmt auf der Strecke Biberbrugg–Arth-Goldau eine Vorreiterrolle ein. Was heute noch mit grossen Veränderungen verbunden ist, wird morgen Standard sein. Und was auf einer Nebenstrecke getestet wird, könnte schon bald das ganze Land bewegen. Die SOB zeigt, dass Innovation nicht von der Grösse eines Unternehmens abhängig ist, sondern vom Willen, die Zukunft aktiv mitzugestalten.
Text: Brigitte Baur
Fotos: Hanspeter Schenk und SOB