Geschichte

Wo Steine Geschichten erzählen

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Der Treno Gottardo unterwegs zwischen Lavorgo und Bodio: Sieben uralte Kirchen, verbotene Gemälde, mysteriöse Ruinen, eine prachtvolle Herberge, romantische Brücken, eine Flussinsel, Grotti und ausgezeichnete Weine: Es gibt viele gute Gründe für einen Streifzug durch Giornico.

Das Tessin ohne Merlot? Undenkbar! Tatsächlich gehören Rebberge zum Landschaftsbild, seit die Römer den Weinbau vor über 2000 Jahren einführten. Selbst in der Leventina gedeihen Reben. „In Giornico sollte man einen speziellen Hinweis anbringen, ein Spruchband vielleicht oder einen Triumphbogen aus Zweigen, damit auch der zerstreuteste und eiligste Reisende, oder der ungnädigste, merkt, dass er die Zivilisation des Weins betreten hat“, forderte der Schriftsteller Guido Caligaris 1959. Aber wieso ausgerechnet in Giornico? „Hier, mehr als auf dem Sankt Gotthard, endet das Land der Kartoffeln und des Biers, es beginnt jenes der Polenta und des Weins.“

Der Kulturwandel ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Denn Giornico, eingezwängt zwischen steile Felswände, wirkt etwas grau mit seinen sieben Kirchen, der alten Granitbrücke, der schmalen gepflasterten Strasse durch den historischen Dorfkern, über die vor der Eröffnung der Bahnlinie der Postillon vom Gotthard und weitere Kutschen und Fuhrwerke gerattert sind. Doch der 850-Einwohner-Ort strahlt auch Wärme aus – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Gneiss- und Granitblöcke speichern die Wärme des Tages und geben sie nachts wieder an die Umgebung ab. Die Reben, die nördlichsten im Tessin, profitieren davon, und um sie vom Bodenfrost fernzuhalten, lässt man die besonders heiklen an horizontal befestigten Granitpfosten auf etwa Mannshöhe hängen; die Methode wird Pergola-Erziehung genannt.

„Die für die Granit- und Gneiss-Böden typischen mineralischen Eigenschaften verleihen den Weinen ein gutes Alterungspotenzial“, schwärmt Feliciano Gialdi auf der Webseite seines Unternehmens. Der Eigentümer der Gialdi Vini SA muss es wissen. Denn seit den 1980er-Jahren landen die Trauben der Region in seiner Kelterei in Bodio. Gut dreihundert Winzer, die „seit Generationen mit Liebe und Leidenschaft Weinbau betreiben“, beliefern ihn. Gialdi lässt denn auch Ortsweine keltern: „Giornico Oro“, „Biasca Premium“ oder „Serravalle“ heissen seine Merlots aus der Region Tre Valli.

Die Geschichte des Dorfes zeigt, dass Giornico eine Schlüsselrolle an der Gotthard-Route spielte. Sieben Kirchen zeugen davon, dass Giornico einst ein wohlhabendes Handelszentrum war – und dass himmlischer Beistand auf dem Weg über die Alpen nicht schaden konnte. Weil das Bahntrassee am Fusse der Biaschina-Schlucht zu steil ist für einen Bahnhof, müssen Bahnreisende im Nachbardorf Bodio aus dem Zug aussteigen und mit dem Bus nach Giornico fahren. Ein Abstecher, der sich lohnt. „Giornico soll allen, die Herz und Auge für das Alte und Naturschöne haben, zur Rast empfohlen sein“, schrieb Johann Rudolf Rahn (1841 – 1912), der Vater der schweizerischen Kunstgeschichte. Tatsächlich erlebt man in diesem Freilichtmuseum Geschichte auf Schritt und Tritt. Und da Steine nicht sprechen können, erzählen die zehn wichtigsten Geschichten:

1) Atto-Turm

Mitten im Dorf befindet sich der Torre di Atto, der in markanter Weise die übrigen Häuser überragt. Der Wohnturm ist wahrscheinlich das älteste Baudenkmal der Leventina. Er umfasst noch sechs Stockwerke, nachdem 1846 wegen eines Einsturzes der oberste Teil abgetragen wurde. Der Legende nach soll der Turm von Atto da Giornico errichtet worden sein, der als Bischof von Vercelli in Italien amtierte. Atto stammte von Desiderius ab, dem letzten König der Langobarden, und war Feudalherr in der Region. In seinem Testament vermachte er im Jahre 948 die Leventina und das Blenio-Tal den Geistlichen des Domkapitels von Mailand. Für die lokale Bevölkerung hatte das den Vorteil, dass sie weniger Abgaben entrichten mussten, weil die Domherren keine Kriege führten. Im Gegensatz zu anderen Feudalherren mischten sie sich nicht in die Eroberungspolitik ein, so dass die Herrschaft der geistlichen Grafen als eine ruhige Zeit in Erinnerung blieb.

2) Kirche San Nicola

Die 1220 errichtete Kirche San Nicola, die ursprünglich Teil eines Benediktinerklosters war, ist ein Highlight der romanischen Baukunst. „Die unbeschreibliche Schönheit und Reinheit ihrer Linien und die magischen und mystischen Halbschatten ihrer Krypta lohnen den Besuch“, schreibt der Publizist Ely Riva. „Jeder sollte diesen Ort gesehen haben.“ Zwei steinerne Löwen am Westportal, die vor bösen Geistern schützen sollen, und stilisierte Plastiken von Drachen, Affen, Hasen, Stieren und Lämmern versetzen den Betrachter in die rätselhafte Welt des Mittelalters. Eindrücklich sind auch die Fresken, die der Maler Nicolao da Seregno 1478 anfertigte. Neben dem heiligen Nikolaus, dem die Kirche geweiht ist, sieht man drei Knaben in einem Bottich. Der Legende nach hat der Heilige die von einem grausamen Metzger zerstückelten und eingepökelten Kinder wieder zum Leben erweckt. Das „Trivultus“-Gemälde über dem Fenster wiederum, in dem die Heilige Dreifaltigkeit durch drei männliche Köpfe dargestellt wird, ist eine Seltenheit.

3) Santa Maria del Castello

Diese Kirche hat die Jahrhunderte überlebt – im Gegensatz zur Burg, die ab 1160 von Bernardo da Giornico, dem Statthalter von Kaiser Barbarossa, errichtet wurde. Die Urner zerstörten die Befestigung bei ihrer südlichen Expansion, nur das Gotteshaus verschonten sie. Sehenswert sind dessen Fresken. Etwa jenes mit dem heiligen Georg als Drachentöter mit der befreiten Prinzessin. Oder jenes des heiligen Felix. Auf sein Kleid ist ein Hinweis auf eine Tragödie, die den Ort im Sommer 1556 heimsuchte, hingekritzelt worden: „Antonio morto adi 26 juli l’ano 1556 per la peste granda, il fratello.“ Antonio war nicht der Einzige, der der Pest zum Opfer fiel. Allein im Jahr 1629 starben in Giornico 265 Einwohner an der Seuche.

4) Kirche San Pellegrino

Die im Jahr 1345 geweihte Kirche liegt versteckt in einem Kastanienwald am ehemaligen Gotthard-Saumpfad, also direkt am Pilgerweg nach Rom respektive ins Heilige Land. Kein anderes Gotteshaus im Tessin verfügt über eine derart reiche Bemalung. An der Talseite ist das Wappen der Leventina abgebildet, links das Wappen des Kantons Uri, der von 1480 bis 1798 die Herrschaft über die Leventina ausübte. Beide Wappen sind überhöht von einer Darstellung Marias. Die Arbeiten stammen aus der Zeit um 1589, ebenso wie das Fresko im Innenraum, das Bände spricht über die damaligen Ängste der Leute. Das eindrückliche „Jüngste Gericht“ stammt von Giovanni Battista Tarilli und Domenico Caresano aus Cureglia.

5) Casa Stanga

Das am Fluss gelegene Gasthaus der Familie Stanga genoss unter Reisenden einen guten Ruf, wie die über fünfzig Wappen an der Fassade verdeutlichen. Wer Rang und Namen hatte, stieg in dieser Herberge ab – etwa Margherita von Österreich, die Tochter von Kaiser Karl V., die zwei Mal in der Casa Stanga übernachtete. Gestaltet wurden diese Fresken von den Künstlern Giovanni Battista Tarilli und Domenico Caresano, die 1589 in der Kirche San Pellegrino tätig waren und als Gegenleistung in der Herberge freie Kost und Logis erhielten. Die Wappen der illustren Gäste dienten dem Wirt als Werbung in eigener Sache – und machen die Casa Stanga heute zu einem der wichtigsten heraldischen Baudenkmäler im Tessin. Das aus dem 15. Jahrhundert stammende Gebäude beherbergt mittlerweile das Museo di Leventina.

6) La Congiunta

Einen solchen Museumsbau erwartet man eigentlich in einer Metropole – aber nicht unbedingt in Giornico. Geschaffen hat La Congiunta der Zürcher Architekt Peter Märkli, um darin rund dreissig massive Reliefs und Skulpturen des Bildhauers Hans Josephson (1920-2012) unterbringen zu können. Das von oben einfallende, diffus-gleichmässige Licht bringt die Werke des in Königsberg geborenen Künstlers bestens zur Geltung. La Congiunta wurde 1995 mit dem Architekturpreis „Neues Bauen in den Alpen“ ausgezeichnet und ist täglich geöffnet; den Schlüssel erhält man in der Osteria Giornico an der Hauptstrasse.

7) Flussinsel

Giornico befindet sich am Eingang zur Biaschina-Schlucht. Diese galt lange Zeit als unpassierbar. Deshalb musste der Fluss Ticino überquert werden, damit der Weg auf der anderen Talseite fortgesetzt werden konnte. Die natürliche Flussinsel bei Giornico mit ihrem felsigen Untergrund bot sich für den Bau einer Brücke an. Zwei Bogenbrücken sind erstmals um 1300 dokumentiert. Im 16. Jahrhundert wurden sie verbreitert. Mitten auf der Insel befindet sich das Grotto dei due ponti. Seine Lage ist einzigartig: Bis zur Mündung im Po-Delta gibt es keine zweite bewohnte Flussinsel.

8) Grotto Rodai

Wo Reben sind, sind Grotti meist nicht weit. Denn der Wein muss ja kühl gelagert werden. In Giornico hat man unter mehreren mächtigen Felsblöcken, die von einem Bergsturz herrühren, prächtige Keller – sogenannte Grotti – angelegt. Ein Themenweg führt von Rodai auf der Südseite des Dorfes zum gleichnamigen Grotto. Auf dieser Route, auf der „carè di grott“, säumen mehrere solcher typischer Tessiner Lokale den Weg. Einige davon sind renoviert, andere verfallen oder werden anders genutzt.

9) Schlachtdenkmal

35 Künstler haben ihre Entwürfe eingereicht. Realisiert wurde schliesslich eine Idee des Tessiner Bildhauers Apollonio Pessina, die am 1. August 1937 feierlich enthüllt wurde. Das Denkmal zeigt einen Mann, der einen Felsbrocken ins Rollen bringt, und erinnert an ein militärisches Husarenstück: Am 28. Dezember 1478 besiegte hier eine mit den Urnern verbündete Leventiner Bauernmiliz bestehend aus 600 Mann das 10‘000 Mann starke Mailänder Heer. Trotz der zahlenmässigen Übermacht kam die Niederlage der Lombarden nicht überraschend: Die Soldaten waren vom mühsamen Anmarsch durch Neuschnee, der in der Nacht zuvor gefallen war, ermüdet. Zudem hatten die Leventiner einen Trick auf Lager. Sie liessen Erde, Steine und Felsblöcke von den steilen Talhängen auf die sechs Kilometer lange Kolonne der Mailänder herabstürzen. Daher ging die Schlacht als „Battaglia dei Sassi Grossi“ („Schlacht der grossen Steine“) in die Geschichte ein. In dem Chaos aus Rittern, Pferden und Fuhrwerken waren die Eidgenossen viel beweglicher. Die Mailänder, die in dem wilden Getümmel 1400 Mann verloren, ergriffen die Flucht. Mit dem Friedensvertrag von 1480 verzichteten die Mailänder Herzöge auf die Leventina. Auch daran erinnert das Denkmal.

10) Castellaccio (Caslac)

„Mysteriös“ oder „geheimnisvoll“ sind die Adjektive, die mit der Ruine Caslac am häufigsten in Verbindung gebracht werden. Die bis zu acht Meter hohen Mauern, die teilweise aus riesigen Granitplatten aufgeschichtet wurden, befinden sich auf der rechten Talseite 250 Meter oberhalb von Giornico auf einem Felsvorsprung. Ob es sich um ein römisches Siegesdenkmal oder doch eher um eine prähistorische Wehrsiedlung handelt, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Wahrscheinlich hat die Ruine ihren Ursprung im frühen Mittelalter. Aufgrund fehlender datierbarer Funde kann jedoch nur spekuliert werden. In der Tat: mysteriös.

Text: Omar Gisler
Bilder: Helmut Wachter, www.wachter-fotografie.com

ZWISCHENHALT: Vom Bahnhof Lavorgo per Bus zum Bahnhof Bodio in 15 Minuten – In Giornico aussteigen und in einer grossen Runde die Steine besuchen: 6 Kilometer, 300 Höhenmeter, 2 Stunden.

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