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Ein Novum in der Bahnbranche mit viel Potenzial

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Im neu erstellten Verwaltungs- und Betriebsgebäude der Appenzeller Bahnen (AB) in Herisau arbeiten drei Unternehmen des öffentlichen Verkehrs unter einem Dach: Miteigentümerin Regiobus, die Appenzeller Bahnen und die Südostbahn mit der Betriebszentrale, die sich im zweiten Stock eingemietet hat. Die CEO der beiden Bahnen, Thomas Baumgartner, AB, und Armin Weber, SOB, erläutern, wie die Idee entstand, die Betriebszentralen der beiden Bahnen neu in einem gemeinsamen Raum unterzubringen, – und wie die Mitarbeitenden sowie die Kundinnen und Kunden davon profitieren.

Was waren die Überlegungen, die beiden Betriebszentralen (BZ) ins gleiche Haus, in den gleichen Raum zu verlegen?
Thomas Baumgartner (TB):
Ursprünglich hatte niemand daran gedacht, die beiden Betriebszentralen im gleichen Raum arbeiten zu lassen. Diese Idee entstand und reifte erst im Verlauf des Projekts richtig aus. Für die AB war die Notwendigkeit zur Zentralisierung der Dienste von Beginn an klar: die technischen Dienste in Appenzell, die Verwaltung und Betriebs­zentrale (BZ) in Herisau. Das Interesse der SOB an einem gemeinsamen Standort für die BZ kam erst später hinzu.
Armin Weber (AW): Die ersten Überlegungen der SOB für eine neue BZ reichen bis ins Jahr 2014 zurück. Zunehmend traten damals die Platz- und Lüftungsprobleme der BZ im alten Bahnhofsgebäude zutage. Und wir hatten immer wieder Herausforderungen im Bereich der Technik. So begannen wir, die Möglichkeiten für einen neuen Standort zu sondieren. Es zeigte sich jedoch, dass der passende Platz in Herisau kaum vorhanden war. Erst im Jahr 2015 kam uns der Gedanke, unsere BZ im neu geplanten Gebäude der AB unterzubringen. Es folgten erste Kontakte, zwei Studien und diverse Sitzungen. Im Jahr 2019 wurde dann der Entscheid getroffen, dass sich die SOB im neuen Verwaltungsgebäude der AB einmietet und die beiden BZ neu in einem gemeinsamen Raum untergebracht werden sollen.
TB: Beide Bahnen hatten unabhängig voneinander Bedürfnisse, jedoch mit einer gewissen Parallelität.
AW: Es gab zeitliche Parallelen und ähnliche Herausforderungen, da eine BZ besonders hohe Anforderungen an die Technik und die Sicherheit stellt. Schnell haben sich daher mögliche Synergien abgezeichnet. Die SOB und die AB verbindet am Platz Herisau eine langjährige und enge Zusammenarbeit, beispielsweise beim Rangier- und Fahrdienst, bei der Reinigung und auch im Vertrieb. Im Dialog erkannten wir bald, dass auch die Zusammenarbeit im Bereich der BZ grosse Vorteile bieten kann. Dabei stehen weniger finanzielle oder personelle Einsparpotenziale, sondern vor allem Vorteile im Bereich des Störungsmanagements im Vordergrund: Bei Störungen des Betriebs sind die Fahrdienstleiterinnen und -leiter besonders stark gefordert. Sie müssen möglichst schnell das Problem identifizieren und dessen Ursache beheben lassen, den Verkehr umlenken, vielleicht Ersatzverkehre organisieren und gleichzeitig auch noch die Kundeninformation sicherstellen. Unser Vorteil ist, dass Betriebsstörungen in den getrennten Verkehrsnetzen der AB und der SOB nur äusserst selten zeitgleich auftreten. So können die Fahrdienstleiterinnen und -leiter der Bahn, die nicht von der Störung betroffen ist, schnell und unkompliziert den anderen unterstützend zur Seite stehen. 
Das ist insbesondere auch möglich, da die SOB bereits heute die Fahrdienstleiterinnen und -leiter der AB ausbildet und deren Prüfungen abnimmt. Wir kennen also gegenseitig unsere Systeme und können so schnell Aufgaben voneinander übernehmen. Davon profitieren dann vor allem unsere Kundinnen und Kunden, weil Störungen schneller behoben und die wichtigen Kundeninformationen noch besser erfolgen können.

«Man findet immer Lösungen, wenn man aufeinander zugeht.» 

Armin Weber, CEO der Südostbahn

TB: Ein gemeinsames Haus bietet eine Grundlage für gemeinsame Gespräche. Ich sehe das Haus auch als Grundstein für weitere Entwicklungsmöglichkeiten, auch in ganz anderen Bereichen, so etwa im Marketing: Die Linien der SOB (Voralpen-Express und Alpenrhein-Express) bringen die Fahrgäste nach Herisau. Dort bestehen beste Anschlüsse ins schöne Appenzellerland. Diese tollen Reiseketten können wir gerade für Freizeitaktivitäten gemeinsam noch besser vermarkten. Oder auch bei technischen Themen, etwa der Automatisierung in der Bahnproduktion: Da wir mit den gleichen Lieferanten arbeiten, können wir Erfahrungen und Innovationen sehr schnell miteinander teilen. Auch das schafft einen unmittelbaren Mehrwert für unsere Kundinnen und Kunden. Es gibt weit mehr Potenzial als «nur» im Betriebsalltag, den unsere Mitarbeitenden hervorragend bewältigen.
AW: Das ist ein wichtiger Aspekt, da wir uns als Branche über mehr Zusammenarbeit weiter verbessern können. Hier in Herisau rücken nun drei öV-Unternehmen, genauer gesagt ein Busbetrieb, eine Normal- und eine Meterspurbahn, unter einem Dach zusammen. Damit setzen wir ein starkes Signal, dass wir es ernst meinen mit der engeren Zusammenarbeit.
TB: Ganz konkret unterstützt uns die SOB bereits in der Projektierung bei Fahrleitungsarbeiten. Wir können uns noch in vielen Feldern gemeinsam weiterentwickeln. Auch die SOB kann von den Erfahrungen der AB profitieren.
AW: Und ich bin überzeugt, dass die Mitarbeitenden die Chancen im täglichen Austausch viel besser erkennen werden, als wir das aus Sicht der Geschäftsleitung können.

«Ein gemeinsames Haus bietet eine Grundlage für 
gemeinsame Gespräche.»

Thomas Baumgartner, CEO der Appenzeller Bahnen

 

Gab es Bedenken oder Ängste, als die Pläne der AB und der SOB bekannt wurden?
AW:
Wir haben schon gehört, dass es Bedenken gab. Es geht aber nicht darum, dass der eine den anderen übernimmt. Das gemeinsame Entwickeln von Lösungen steht im Vordergrund.
TB: Die Befürchtung, dass die SOB die AB schlucken könnte und die Mitarbeitenden unter dem Regime der SOB funktionieren müssten, führte zu grosser Verunsicherung. Aber das war nie die Idee und ist auch nicht die Absicht der Entscheidungsträger der beiden Bahnen. 
Der Umzug unserer BZ von St. Gallen nach Herisau ist aus verschiedenen Gründen auf Widerstand gestossen. Das haben wir sehr ernst genommen. Wir haben die Bedenken aufgenommen und mit den Mitarbeitenden in einem Change-­Prozess daran gearbeitet – damit haben wir Vertrauen gewonnen. Geholfen hat auch ein gemeinsamer Anlass, bei dem sich die Mitarbeitenden beider Bahnen beschnuppern konnten. Viele kennen sich bereits seit vielen Jahren und verbringen viel Freizeit zusammen. Es herrscht eine gute Kultur.
AW: Und diese müssen wir auch als Führungskräfte weiter pflegen. 
TB: Deshalb wird das Führungsteam beim Umzug der BZ von St. Gallen nach Herisau präsent sein – ich schaue zuversichtlich in die Zukunft.
AW: Ich freue mich, dass unser Umzug Anfang September reibungslos geklappt hat. Es gab keine einzige technische Panne. Das haben unsere Leute hervorragend vorbereitet. Die Mitarbeitenden arbeiten gerne in der schönen Atmosphäre der neuen Räumlichkeiten. Einzig die Klimatisierung stellt noch eine gewisse Herausforderung dar.

Warum hat die SOB die Räumlichkeiten vor den AB bezogen?
TB:
Das Haus war parat für den Einzug, und unser Vertrag für die Räume in St. Gallen war erst auf Ende Jahr kündbar. Ausserdem wollten wir gestaffelt einziehen. 
Da der Druck bezüglich der Räumlichkeiten bei der SOB grösser war, erfolgte der Umzug der SOB bereits im September. Unsere Administration folgte kurz danach. Wenn dann die BZ der AB im November umzieht, wird sich der Alltag eingespielt haben.
AW:  Das Haus wird mit Leben erfüllt sein. In der Kantine im vierten Stock mit der grossen Terrasse werden viele informelle Gespräche stattfinden. Sie steht den Mitarbeitenden aller Firmen zur Verfügung. So auch jenen des Ingenieur­büros Schällibaum AG, das ebenfalls hier eingemietet ist.
TB: Wir müssen in der täglichen Präsenz ein Sensorium entwickeln, um die Chemie und Bedürfnisse unserer «Mitbewohnerinnen und -bewohner» zu spüren.

Das klingt nach Wohngemeinschaft (WG).
AW:
Das ist ein sehr passender Vergleich. Denn genau darum geht es, um die Gemeinschaft.
TB: In der Gemeinschaft sehen wir auch, was die anderen machen. Vielleicht besser? Ein Gewinn für alle.
AW: Gemeinsam sind wir nicht bloss stark – gemeinsam sind wir stärker.

Eine WG bringt auch Herausforderungen mit sich. Andere Abläufe, andere Bedürfnisse. Man munkelt, dass es diesbezüglich Themen gab, die zu Diskussionen führten.
AW:
Wenn man zu zweit in eine WG zieht, bringen beide ihre Kultur und Gewohnheiten mit. Dann muss man Lösungen finden. Bei der SOB ist der Kaffee für Mitarbeitende gratis, die AB haben eine andere Regelung. Die AB wollten ein rauchfreies Haus, bei der SOB gab es den Wunsch, zu rauchen, ohne das Gebäude vor allem nachts verlassen zu müssen. Das waren Themen, die wir diskutieren und regeln mussten. Die Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, dass man aufeinander zugeht.
TB: Die Geschäftsleitung der AB hat sich als Eigentümerin und Vermieterin ursprünglich einstimmig für ein rauchfreies Haus ausgesprochen. Dann kamen berechtigte Argumente seitens SOB: Mitarbeitende im Schichtbetrieb sollten aus Sicherheitsgründen frühmorgens oder nachts nicht aus dem Haus müssen, um zu rauchen. Das hatten wir nicht bedacht, es hat uns aber eingeleuchtet, und wir haben nun auf der Dachterrasse eine Raucherecke eingerichtet. Und was den Kaffee betrifft: Da hält jedes Unternehmen an seinen Gepflogenheiten fest.

Und wenn wir schon beim Bezahlthema sind: Welche Investitionskosten sind mit dem Umzug verbunden?
TB:
Das Gebäude gehört zu 80 % den AB und zu 20 % der Regiobus. Gemeinsam haben wir knapp 20 Millionen Franken am Standort Herisau investiert. Die Anlagen der BZ wurden über die Sparte Infrastruktur finanziert.
AW: Und die SOB ist einfach eine Mieterin.

Welche langfristigen Einsparungen oder wirtschaftlichen Vorteile werden erwartet?
TB:
Solche Überlegungen standen nicht im Vordergrund. Den Mehrwert sehen wir nicht im Finanziellen, sondern in der Bereicherung am Arbeitsplatz mit Potenzial für Synergien zwischen zwei Bahnunternehmen.
AW: Aufgrund der Platzproblematik und der bereits erwähnten Themen wäre für uns die einzige Alternative gewesen, ein eigenes Gebäude für die BZ zu bauen, was am Standort Herisau erst in den nächsten fünf bis zehn Jahren möglich gewesen wäre. Somit ist dies für die SOB die beste, schnellste und gleichzeitig auch die kostengünstigste Variante. Wir profitieren alle, weil wir miteinander stärker sind. Und gleichzeitig sind und bleiben wir zwei eigenständige Unternehmen, die sich ergänzen.

Interview: Claudia Krucker, Fotos: Daniel Ammann

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