Einblick

So schlägt das Herz der SOB weiter

| Einblick

Die SOB-Mitarbeitenden der Betriebszentrale operieren seit Anfang September am Bahnhofplatz 20 in Herisau im neuen Gebäude der Appenzeller Bahnen. Die Betriebszentralen der beiden Bahnen teilen sich einen Raum, agieren aber autonom. Mit dem Aufbau der Technikanlagen und deren Inbetriebnahme sorgen Projektleiter, Technologiefachleute, ICT-Techniker/-innen und die Zugverkehrsleitung dafür, dass die Betriebszentrale auch am neuen Ort ihren Rhythmus findet.

Damit das neue Herz der Betriebszentrale (BZ) zuverlässig schlagen kann, reicht eine Gebäudehülle mit Möbeln nicht aus: Erst eine Infrastruktur bestehend aus Systemen, Applikationen, Elektro- und Datenkabeln lässt die Betriebszentrale pulsieren. Der Taktgeber: ein klar definiertes Pflichtenheft für den Kommando- und Technikraum, das die Anforderungen bündelt. Hinter dem Erfolg dieses Projekts stehen zahlreiche sorgfältige Überlegungen und der intensive Austausch aller Beteiligten: der ICT-Techniker/-innen, der Technologiefachleute des Bereichs Sicherungsanlagen, Telekommunikation und Niederspannung sowie der Fachleute aus dem Betrieb. Ihre Gedanken, Erfahrungen und Anforderungen sind ins Pflichtenheft eingeflossen. Und die Prämisse an den neuen Standort seitens der Leitung der Betriebszentrale: ein geräuscharmer Kommandoraum ohne Wärmeentwicklung. Die Lösung: Die Rechner stehen im Technikraum, das Gegenstück – die Konsole samt Bildschirmen – im Kommandoraum. Dieser besteht aus sieben Arbeitsplätzen mit jeweils vier Bildschirmen für das Zugleitsystem ILTIS (Integrales Leit- und Informationssystem) und sechs Bildschirmen für das übliche SOB-Netzwerk mit dessen Applikationen wie dem Kundeninformationssystem (KIS) für Bahnhöfe, der Steuerung für Fahrleitungs- und technische Anlagen (BILS), dem Alarmierungs- und Ereignisassistenten (RCS-ALEA) und dem Dispositionssystem (RCS-Dispo). Letztere sind Teil des Rail Control System (RCS), das die Betriebsführung durch strukturierte Ereignisbewältigung und effiziente Disposition unterstützt. Die Kommunikation zwischen Zugverkehrsleiter/-innen und Bahnpersonal erfolgt über einen separaten Touchscreen der Betriebstelefonanlage.

«Bei unserer Arbeit darf man eben genau nicht sehen, was alles dahintersteckt.»
Lukas Graf, Fachprojektleiter Telecom- und Niederspannungsanlagen

Verbindungen im Verborgenen

Um den Kommandoraum mit dem Technikraum zu verbinden, kommen KVM-Switches (Keyboard, Video, Maus) zum Einsatz, die als Schaltstellen zwischen Bedienkonsole und den Rechnern oder Servern dienen. Alle Kabel sind fein säuberlich beschriftet, damit man weiss, wohin welches Kabel führt und schliesslich im Technikraum seinen Anschluss findet. «Bei unserer Arbeit darf man eben genau nicht sehen, was alles dahintersteckt», erklärt Lukas Graf, der als Projektleiter dieses Umzugs seitens der Technik alle Fäden – oder besser gesagt alle Kabel – in der Hand hält. Die Technik ist versteckt und muss gut geschützt sein. So führen die Kabel in den Wänden und im Hohlboden zum Technikraum.

Ununterbrochene Versorgung: Energie für die Betriebszentrale

Ein Stromunterbruch würde zum Stillstand des Zugverkehrs führen. Um das zu verhindern, gibt es eine unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV). Sie sorgt dafür, dass die Systeme auch dann weiterlaufen, wenn die Stromzufuhr kurzzeitig ausfällt. Die USV ist im Grunde eine Notstromanlage: Sie bezieht ihre Energie sowohl aus dem transformierten Bahnstrom als auch aus dem normalen Ortsnetz – also denselben Strom, den man auch zu Hause aus der Steckdose bezieht. Fällt ein Stromnetz aus, übernimmt das andere Stromnetz komplett. Wenn beide Stromnetze ausfallen würden, kämen die Batterien zum Einsatz, die eine gewisse Zeitspanne überbrücken könnten. Neben der Stromversorgung ist auch ein stabiles, hochverfügbares Netzwerk unverzichtbar. So ist das Zugleitsystem ILTIS mehrfach redundant aufgebaut: Mehrere Server laufen parallel und sind zusätzlich in verschiedenen Rechenzentren überregional gespiegelt. ILTIS verfügt ausserdem über ein eigenes, unabhängiges Netzwerk, das nicht mit dem herkömmlichen Internet verbunden ist und ausschliesslich von Bahnen genutzt werden kann.

«Die Betriebszentrale Herisau orchestriert das SOB-Netz für den nächsten Lebenszyklus in neuen, modernen Räumlichkeiten.»
Ignaz Auer, Leiter Betriebszentrale

Die Redundanz entsteht durch eine Absicherung auf mehreren Ebenen – eine davon ist das nationale Datennetz Datacom der SBB, das sämtliche Systeme der Bahnproduktion miteinander verbindet. Lukas Graf hat ein Herz für akribische Planung und er sowie seine Kollegen haben Terminierung im Blut. Doch auch offene Ohren, wachsame Augen und Weitsicht zeichnen den Projektleiter und seine Kollegen aus: Während die Bauarbeiten an der Gemeindestrasse neben dem neuen Gebäude liefen, sorgte Lukas kurzerhand gemeinsam mit dem Bauunternehmer dafür, dass ein Rohr unter der Strasse verlegt wurde. So ist sichergestellt, dass beim bevorstehenden Ausbau des Service-Zentrums in Herisau künftig ein neuer Trafo beim Bahngleis den Zugang zum Bahnstrom gewährleisten kann. Denn der aktuell genutzte Trafo im Service-Zentrum, der den Bahnstrom umwandelt und in das Gebäude der neuen Betriebszentrale einspeist, muss mittelfristig ersetzt werden.

Störungsquellen: Staub und Mäuse, Feuer und Wasser

Damit die Technik im Hintergrund zuverlässig arbeiten kann, muss der Technikraum vor allen möglichen Störungsquellen geschützt sein. Auch Staub ist problematisch: Er soll sich weder auf Geräten ablagern noch in die elektronischen Komponenten gelangen. Darum wurde der Raum vor dem Bezug gründlich gereinigt. Eine spezielle Luftführung sorgt für die Kühlung der Geräte und hält auch Staub fern. Die Luft strömt dabei vom Boden aufwärts und wird durch Abdeckungen gezielt über die technischen Geräte geleitet – so entsteht eine stabile Kältezone, die zuverlässig vor Überhitzung schützt. Doch nicht nur «Staubmäuse» sind eine Gefahr: Auch echte Mäuse könnten Kabel oder Leitungen beschädigen – darum gehören auch Mäusefallen zur Standardausstattung. Hinzu kommen Brand- und Wasserschutz: Der Raum ist mit einer modernen Brandmeldeanlage ausgestattet. Im Ernstfall sorgt eine Gaslöschanlage dafür, dass der Sauerstoff in der Luft reduziert wird – so kann ein Feuer gar nicht erst entstehen. Damit Probleme frühzeitig erkannt werden, gibt es zusätzlich eine Absaugeinrichtung in den Netzwerkschränken. Sie überwacht ständig die Luftqualität und schlägt Alarm, sobald eine Veränderung festgestellt wird. Auch Wasserleitungen sind so angelegt, dass sie den Technikraum nicht gefährden. 

Am Puls des Bahnbetriebs – ein Übergang ohne Unterbruch

Aus technischer Sicht gab es für die SOB keinen fixen Umzugstermin, da die neue Betriebszentrale im Gebäude der Appenzeller Bahnen parallel aufgebaut wurde. Der Zeitpunkt für den Umzug war ideal, weil viele Geräte das Ende ihrer Lebensdauer erreicht hatten und ohnehin ersetzt werden mussten. Bereits ein halbes Jahr zuvor begannen Lukas Graf als Projektleiter und die Technologen aus den Fachbereichen mit dem Aufbau der neuen Zentrale. Auch die ICT-Techniker waren massgeblich am Umzug beteiligt: So installierten sie beispielsweise die Technik im gemeinsam genutzten Sitzungszimmer mit den Appenzeller Bahnen und statteten die PCs für das SOB-Netz mit sämtlichen Anwendungen aus. Starke Teams, die sich aus dem Arbeitsalltag bestens kennen, zogen gemeinsam an einem Strang und arbeiteten Hand in Hand. Damit die Inbetriebnahme reibungslos verlief, hatten die Mitarbeitenden der Betriebszentrale in Zusammenarbeit mit der ICT sämtliche Systeme im Vorfeld getestet. Der endgültige Übergang erfolgte mit gutem Grund am 3. September 2025, einem Mittwochmittag: Zu diesem Zeitpunkt waren alle Beteiligten aus den verschiedenen Bereichen am besten erreichbar und dieser Termin ermöglichte eine gute Vor- und Nachbereitung. Die Zugverkehrsleiter/-innen des Ost- und Südnetzes der SOB sowie der Schichtleiter übergaben ihren Dienst telefonisch und so übernahm die neue Schicht ihren Einsatz direkt am neuen Standort. Ignaz Auer, Leiter Betriebszentrale, resümiert: «Die Betriebszentrale Herisau orchestriert das SOB-Netz für den nächsten Lebenszyklus in neuen, modernen Räumlichkeiten.» Während des Umzugs waren aus Sicherheitsgründen keine Streckensperrungen und auch keine Fahrleitungsschaltungen möglich. Zudem ist die Betriebszentrale mit einem analogen Telefon ausgerüstet, sodass die Erreichbarkeit jederzeit gewährleistet bleibt – selbst dann, wenn die digitale Betriebstelefonie einmal ausfallen sollte.

Mit Herzblut und Erfahrung den Umzug koordiniert

Für Walter Büsser, Fachspezialist Betrieb und mittlerweile seit 46 Jahren bei der SOB tätig, hatte der Umzug eine ganz besondere Bedeutung: Die bisherige Betriebszentrale war ursprünglich seine Dienstwohnung, die er im Jahr 1988 bezog – ein Ort, an dem sich Berufliches und Privates über viele Jahre hinweg eng miteinander verbanden. Als die Räume im Jahr 2004 zur Betriebszentrale umgestaltet wurden, blieb die persönliche Verbundenheit stets bestehen. Der Umzug an den neuen Standort bedeutet für ihn nicht nur eine organisatorische Veränderung, sondern auch einen Abschied von einem bedeutenden Stück gelebter Geschichte. So kennt Walter als erfahrener Fachspezialist die Betriebszentrale wie kaum ein anderer. Er nimmt selbst kleinste Details wahr, versteht die Menschen um sich herum und sorgt für ein gutes Betriebsklima. Dabei spielt auch die Raumtemperatur eine wichtige Rolle fürs Arbeitsklima. Er koordinierte sämtliche Bedürfnisse der Mitarbeitenden, denn das Arbeiten im Schichtbetrieb bringt besondere Herausforderungen mit sich. So ist beispielsweise die Ausstattung der Aufenthaltsräume mit Kochmöglichkeiten zentral, da die Mittagspause zeitlich begrenzt ist und externe Verpflegungsmöglichkeiten nicht immer optimal in den Ablauf passen. Ausserdem müssen die Mitarbeitenden ausgewogen und regelmässig verpflegt sein, damit sie ihre verantwortungsvolle Aufgabe stets höchst konzentriert wahrnehmen können. Walters Wissen über die Abläufe, die Bedürfnisse der Mitarbeitenden und die kleinen Details der Arbeitsumgebung macht den Unterschied und gewährleistet, dass der Neubeginn sowohl organisatorisch als auch menschlich gelingt. Denn neben den Systemen und der Hardware sind auch Softfaktoren entscheidend: Die Betriebszentrale ist das Herzstück des Bahnbetriebs, am Puls des Geschehens – und mittendrin steht der Mensch, der zusammen mit der Technik dafür sorgt, dass der Zugverkehr nahezu rund um die Uhr möglichst reibungslos läuft. 

Text: Ramona Schwarzmann

Fotos: Jeannine Lieberherr

Erfahren Sie mehr über Bahnsysteme und deren Unterhalt. Hören Sie rein in unseren Podcast «Bahntakt»: Dominik Iten und Pascal Frey, Techniker für Sicherungs-, Niederspannungs- und Telekommunikationsanlagen, geben spannende Einblicke in ihren Berufsalltag.

www.sob.ch/techniker-sicherungsanlagen

Dieser Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe unseres Magazins "Schriftzug". Lust auf weitere Artikel? Jetzt den Schriftzug kostenlos abonnieren und die neuste Ausgabe direkt per Post zugeschickt bekommen.

Schriftzug kostenlos abonnieren

Integrales Leit- und Informationssystem (ILTIS)

ILTIS macht es möglich, Stellwerke effizient zu steuern, ohne dass die Zugverkehrsleiter/-innen direkt vor Ort sein müssen. Es ist das zentrale Leitsystem, mit dem der Bahnverkehr gesteuert, überwacht und die Kommunikation für Zug- und Rangierfahrten sichergestellt wird. Ein wichtiger Bestandteil ist die sogenannte Zuglenkung: In ihr sind die Fahrwege aller Züge im jeweiligen Netz hinterlegt. ILTIS selbst greift jedoch nicht direkt in sicherheitsrelevante Vorgänge ein. Stattdessen kommuniziert es mit den Stellwerken, die zusammen mit den Sicherungsanlagen im Aussenbereich dafür sorgen, dass die Züge sicher und zur geplanten Zeit ihr Ziel erreichen.

nach oben