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Mit neuen Ideen Begeisterung wecken

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Er sieht die Eisenbahn als Teil der Lösung und engagiert sich für eine Mobilität mit Zukunft: Marius Schmidt entwickelt bei der SOB als Leiter Vernetzte Mobilität Ideen für eine «bessere» Mobilität. Hürden und Widerstände bremsen weder seine Motivation noch sein Engagement. Er denkt visionär und bleibt dennoch Realist: «Veränderungen brauchen Zeit.»

Welche persönliche Erfahrung hat deine Vorstellung davon geprägt, wie Mobilität in Zukunft funktionieren sollte?
Autoarme Orte. Es ist toll, zu erleben, wie lebenswert Siedlungen werden, wenn Fussgängerinnen und Fussgänger viel Platz haben, sich das öffentliche Leben entfaltet und die Lebensqualität steigt. Gute Beispiele und gute Erfahrungen mit der Umgestaltung von ehemals «autolastigen» Städten sind vorhanden.

Du bist Leiter Vernetzte Mobilität: Was heisst vernetzte Mobilität, und was macht ihr?
Vernetzte Mobilität bedeutet, Mobilität gesamthaft zu betrachten. Als kleines Team suchen wir nach Lösungen für den Weg von A nach B, nicht nur mit der Bahn, sondern unabhängig von der Wahl des Verkehrsmittels. Unser Ziel ist eine attraktive, bezahlbare und ökologischere Mobilität.

Wie kommt es, dass du deine Energie genau diesem Thema widmest? Was treibt dich an?
Die seit Jahrzehnten steigenden Belastungen durch den Autoverkehr empfand ich schon immer als Herausforderung, und sie waren gleichzeitig meine Motivation, neue Konzepte zu entwickeln. Die Eisenbahn als Teil der Lösung fand ich stets wichtig. Das Interesse an der Eisenbahn und den damit verbundenen Möglichkeiten bestand schon immer.

Was ist deine Aufgabe bei der SOB?
Ich bin seit 2018 bei der SOB tätig und habe 2020 die Aufgabe als Leiter der damals neu geschaffenen Abteilung Vernetzte Mobilität übernommen. Unser Team sucht nach Möglichkeiten, neue Mobilitätsangebote aufzubauen, das heisst, wir entwickeln Ideen und Konzepte, wie man die Mobilität «besser» machen könnte, also: attraktiver, effizienter, nachhaltiger.

Hast du dazu ein Beispiel?
Bessere Mobilitätsangebote führen zu weniger Fahrten im eigenen Auto und verringern den Bedarf danach. Weniger Autos wiederum würden weniger Platz benötigen. Dieser Platz könnte für Wohnraum und Grünflächen verwendet werden. Ausserdem liessen sich dadurch die Kosten und Emissionen des Verkehrs reduzieren.

«Neue Mobilitätsangebote lassen sich nicht von oben diktieren. Man muss persönliches Erleben ermöglichen, Begeisterung wecken.»
Marius Schmidt, Leiter Vernetzte Mobilität

Welches sind die grössten Hürden?
Die grössten Hürden sind erstens der Mensch und zweitens die Struktur der Finanzierung. Beim Menschen geht es um die Herausforderung, sein Verhaltensmuster zu ändern. Und das ist nicht einfach. Man will gewohnte Pfade nicht verlassen – und nicht über die Optionen nachdenken, die man hätte und die aktuell sinnvoll wären. Am ehesten ist eine Verhaltensänderung bei sogenannten Lebenswechselpunkten denkbar, zum Beispiel bei einem Umzug. Voraussetzung ist dann, dass überhaupt ein entsprechendes Angebot besteht – dieses bereitzustellen, verursacht Investitionskosten.

Damit sind wir bei der Frage der Finanzierung.
Genau. Unsere klassischen Finanzierungsmodelle unterscheiden klar zwischen den Domänen Individual- und öffentlicher Verkehr, was zur Bildung von «Silos» beiträgt. Mobilität sollte jedoch als Ganzes betrachtet werden. Die getrennten Finanzierungsgefässe verhindern beispielsweise, auf eine schlecht genutzte Buslinie oder den Bau einer Umfahrungsstrasse zu verzichten und stattdessen die Mittel für ein besseres Mobilitätsangebot einzusetzen. Es geht also nicht darum, mehr Geld für die Mobilität zu haben. Aber es bräuchte ein anderes Finanzierungssystem.

Wie lassen sich die finanziellen Hürden überwinden?
Abhilfe schaffen würde der Verzicht auf die bestehenden getrennten Finanzierungstöpfe zugunsten eines Mobilitätsfonds, der verkehrsmittelneutral die Mittel für ein hocheffizientes und resilientes, smartes und vernetztes Verkehrssystem bereitstellt. Letztlich müssen wir mit den vorhandenen Mitteln auskommen und diese cleverer einsetzen, um die (schlechte) Effizienz im Verkehrsbereich zu verbessern.

Wie könnte man die Leute dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern?
Letztlich zählt nur der individuell empfundene Nutzen – kürzere Reisezeit, tiefere Kosten, weniger Umsteigen – oder die Erfüllung unmittelbarer Bedürfnisse: Ruhe, Bequemlichkeit, einfacher Zugang. Übergeordnete Anliegen wie Klima betreffen uns im Alltag kaum oder gar nicht. Und weil der eigene Nutzen entscheidend ist, muss man die Leute neue Angebote testen lassen. Von oben diktieren funktioniert nicht. Mobilität ist ein emotionales Thema – man muss persönliches Erleben ermöglichen, Begeisterung wecken, die Idee weitertragen lassen.

Veränderungen sind also schwierig. Weshalb bist du von der Idee einer vernetzten Mobilität – trotz Hindernissen – überzeugt?
Erstens zeigt die Vergangenheit, dass – auch grosse – Veränderungen möglich sind. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist die Orientierung mittels Landkarten: Digitale Karten und GPS haben die Wegfindung komplett verändert, viel bequemer und zuverlässiger gemacht. Niemand würde noch darauf verzichten wollen. Zweitens trifft man immer wieder Leute, Gleichgesinnte, mit ähnlichen Ideen und Überzeugungen. Das motiviert und hilft, Rückschläge zu überwinden. Es ist ein langer Prozess, wahrscheinlich auch eine Generationenfrage. Unser Mobilitätsverhalten verändert sich nicht von heute auf morgen, aber wir sind als Gesellschaft in der Lage, uns weiterzuentwickeln.

Deine Vision für die Mobilität in der Schweiz – wie würdest du sie beschreiben?
Einfach und bequem von A nach B kommen, jederzeit und unter Berücksichtigung der persönlichen Ansprüche und Möglichkeiten. Dies mit deutlich weniger Fahrzeugen und ohne weiteren Ausbau von Verkehrswegen, um so die weitere Versiegelung der Landschaft zu stoppen.

Wo liegen die Chancen einer effizienteren Mobilität und der Vernetzung von verschiedenen Mobilitätssystemen?
Mit einer besseren Auslastung der Fahrzeuge – heute liegt die durchschnittliche Besetzung pro Fahrzeug bei unter 1,5 Personen – und weniger Standzeit würden Flächen frei, die zum Wohnen, fürs Gewerbe und als Erholungsräume genutzt werden könnten. Eine funktionierende Vernetzung führt ausserdem zu einer Verbesserung der Luftqualität, verursacht weniger Lärm, Kosten und Zeitaufwand. Dadurch erhöht sich die Lebensqualität spürbar.

Wie wird sich die Mobilität in der Schweiz verändern? Was denkst du: Wie bewegen wir uns in 20 oder 30 Jahren?
Die Zukunft vorherzusagen, ist und bleibt schwierig. Als Team Vernetzte Mobilität denken wir in Szenarien – wir haben nicht das eine Bild der Zukunft. Auf Basis zahlreicher Rahmenbedingungen, zum Beispiel der typischen Eigenschaften des Menschen – dazu gehört die Bequemlichkeit –, der technischen Möglichkeiten wie des automatisierten Fahrens, der Digitalisierung im Allgemeinen und KI im Speziellen, entwickeln wir verschiedene Szenarien, in welche Richtung es gehen könnte. Bei unseren Überlegungen unterscheiden wir verschiedene Zukunftsbilder: von einer «zurückhaltenden Entwicklung» bis zu einem «hochinnovativen Szenario». Oder mit anderen Worten: Die Spannweite reicht von «Weiter wie bisher» mit beschränkter Nutzung von Digitalisierung, Sharing und Pooling, also der Bündelung von Fahrten von Fahrgästen mit ähnlichen Zielen, bis hin zur vollen Flexibilität, jederzeit und überall das passende Angebot zur Verfügung zu haben.

Wie würde ein hochinnovatives Szenario aussehen?
Das Mobilitätsangebot, das sämtliche intelligent vernetzten Fahrzeuge integral umfasst, richtet sich dynamisch an der Nachfrage aus. Diese wiederum beeinflusst die wesentlichen Parameter wie Kapazitäten oder Tarife. Reisende finden jederzeit Verbindungen und Rahmenbedingungen vor, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprechen, und erhalten alle notwendigen Informationen, wie etwa zum Einstiegsort. Die enge Koordination mit den die Mobilität prägenden Akteuren – darunter Schulen oder Arbeitgeber – ermöglicht eine Glättung der Nachfragespitzen. Dadurch entsteht ein neues öffentliches und flächendecken des 24/7-Angebot, das alle Regionen optimal erschliesst, verschiedenste Transportbedürfnisse jederzeit erfüllt und Fehlanreize zur Übernutzung reduziert. Der motorisierte Individualverkehr, wie wir ihn heute kennen, ist weitgehend verschwunden.

Welche Faktoren werden in Bezug darauf, welches Szenario sich durchsetzt, entscheidend sein?
Wichtige Aspekte sind Themenzyklen und technologische Entwicklungen, heute insbesondere auch in Bezug auf KI. Mit Themenzyklen meine ich die dominierenden Themen in einer Gesellschaft – momentan sind dies eher internationale Konflikte, die wirtschaftliche Unsicherheit und die technologische Transformation. Umwelt, Klimawandel oder Nachhaltigkeit sind in den Hintergrund gerückt. Von dieser Themenkonjunktur hängt es ab, wofür sich der Mensch interessiert. Stimmen die Rahmenbedingungen, können neue Technologien auf fruchtbaren Boden fallen, Begeisterung wecken, sich weiterentwickeln und in der Gesellschaft positive Impulse auslösen. Und mit den Möglichkeiten von KI sind noch einmal ganz andere Konzepte, bisher jenseits der Vorstellungskraft, denkbar. Natürlich ergeben sich daraus wie bei allen Innovationen Chancen und Risiken. Wir sollten mutig in die Chancen investieren und die Risiken nicht ängstlich überbewerten. Entwicklungen mitzugestalten, schafft Handlungsspielräume.

Text: Esther Volken, Fotos: Jeannine Lieberherr

SOB-Podcast «Bahntakt»: Im Gespräch mit Marius Schmidt

Wo liegen heute die grössten Probleme bei der Bahn und auf der Strasse? Welche Hürden gilt es auf dem Weg zu einer vernetzten Mobilität zu überwinden, und wo stehen wir heute auf diesem Weg? Mobilitätsexperte Marius Schmidt spricht im Podcast «Bahntakt» über Herausforderungen, Fortschritte und sein Idealbild unserer zukünftigen Mobilität. Hören Sie rein, und erfahren Sie, wie er und sein Team daran arbeiten.
Podcast: Jeannine Lieberherr

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