Das SBB-Ausbildungszentrum, gelegen bei einem herrschaftlichen Landsitz, ist ihm vertraut geworden. Unterwegs sein liegt ihm, denn er ist beruflich wie privat viel auf Achse – ob mit der Bahn, als Bikepacker oder auf Bergtouren. Ein abwechslungsreicher Arbeitsalltag ist ihm schon lange bekannt: Schon während der Lehre als Automatiker im Schaltanlagenbau entdeckte er bei ersten Einsätzen an Mittelspannungsanlagen die Freude an der Arbeit draussen.
Später war er knapp zehn Jahre schweizweit als Fahrleitungsmonteur tätig. Das Leben auf Montage bietet eine Freiheit und Kameradschaft, die kaum ein anderer Beruf kennt. «Wer auf Montage geht, muss Nachtarbeit, Wochen im Hotel und das Pendeln mögen und wollen», bemerkt Stefan. Er weiss aber, warum er diesen Beruf gewählt hat, wenn er zehn Jahre später aus dem Zugfenster blickt und denkt: «Ah, das hab ich mal gebaut».
Im Jahr 2012 wechselte Stefan Hofmann zur Südostbahn. Heute verantwortet er als Technologie-Manager Fahrstrom bei der SOB die strategische Weiterentwicklung der Fahrstromversorgung, erarbeitet Regelwerke und prüft als Sachverständiger Projektdossiers vor deren Plangenehmigung – oft auch für andere Bahnen im Namen des Kundengeschäfts der SOB-Infrastruktur. Die Verbindung zur Montage ist geblieben: Immer wieder steht er selbst auf der Baustelle, als Chefmonteur oder Lokführer von SOB-Baufahrzeugen.
Ein Handwerk mit Verantwortung
Stefan Hofmann kennt die verantwortungsvollen Aufgaben von Fahrleitungsmonteure/-innen aus nächster Nähe: Sie stellen Masten, montieren Ausleger und Joche, ziehen Tragseile und Fahrdrähte und regulieren die Fahrdrahthöhe und die Zick-Zack-Lage. Diese seitliche Versetzung des Fahrdrahts verhindert, dass sich eine Kerbe ins Kohleschleifstück frisst. Unverzichtbar ist auch die Rückleitung: Über sie fliesst der Strom zurück ins Unterwerk. Würde sie fehlen, stünde der Betrieb still – und für Personen in der Nähe bestünde akute Lebensgefahr.
Viele Wege nach dem Abschluss
Mit dem EFZ-Abschluss eröffnen sich vielfältige berufliche Möglichkeiten: bei einem Fahrleitungsbauer, einem Verkehrsbetrieb oder einer Eisenbahn – ob im Unterhalt von Bahnhöfen oder bei Erneuerungen von Strecken. Wer sich innerhalb des Berufs weiterentwickeln möchte, kann in die Projekt- oder Bauleitung, in die Leitstelle, in technische Spezialistenfunktionen oder – wie Stefan Hofmann – in strategische Rollen wachsen. Auch der Aufstieg auf der Bildungsleiter ist möglich: Die Berufsprüfung zum Netzfachmann/-frau oder das Diplom als Netzelektrikermeister/in bauen direkt auf dem Beruf auf, nach der Berufsmatura folgt ein Fachhochschulstudium, z. B. Elektrotechnik. Und wer in eine ganz andere Richtung will, hat ein solides Fundament im Gepäck: Mit dem EFZ in der Tasche sind weitere Ausbildungen möglich – etwa die Lokführerprüfung Kategorie B oder Berufsprüfungen bei der Berufsfeuerwehr oder Polizei.
Der Lehrberuf bietet auch jungen Menschen Chancen, die ihre Stärken eher im praktischen Arbeiten sehen. Nicht nur die Schulnoten zählen, sondern vor allem handwerkliches Geschick, körperliche Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein und Teamgeist. Gerade in solchen Berufen zeigt sich eine Stärke der Schweizer Berufsbildung: Praktische Fähigkeiten erhalten denselben Stellenwert wie schulische Leistungen. Viele Bahnen bieten zudem die Möglichkeit einer Erwachsenenlehre – für alle, die einen anerkannten Berufsabschluss nachholen möchten.
Das QV – mehr als nur eine Prüfung
Die Prüfungsexperten wollen sehen, was die Lernenden können – nicht, was sie nicht können. Ziel ist eine wohlwollende Prüfung in einer Atmosphäre, die trotz des Drucks so angenehm wie möglich ist. Wie auf der Baustelle wird auch am QV geduzt. In einem Beruf, in dem man einander so stark vertrauen muss, ist das mehr als eine Geste. Mit Freude beobachtet Stefan, wie ein Kandidat den Ordner nimmt, die Pläne studiert, sein Werkzeug zusammenstellt und beginnt. Ohne Umschweife, genau wie auf der Baustelle.
Dieses Jahr ändert sich einiges: Erstmals finden die Prüfungen nach der Bildungsverordnung von 2023 statt. Die Prüfung rückt damit näher an die Realität des Berufs. Geprüft wird draussen, bei sengender Hitze oder im Regen – genau wie es im Arbeitsalltag vorkommt.
An einigen Abenden steigt Stefan aufs Gravelbike und dreht eine Runde, zur Petersinsel oder um den Mont Vully. Hin und wieder treffen sich die Prüfungsexperten aus der ganzen Schweiz im nahen Campingbeizli am Murtensee. Was alle verbindet: Sie sind langjährige oder ehemalige Fahrleitungsmonteure und wissen aus eigener Erfahrung, was es braucht, um in diesem Beruf zu bestehen.
Übrigens: Eine Prüfungsexpertin gibt es bislang nicht, und auch unter den Teilnehmenden sind Frauen noch die grosse Ausnahme. Dabei steht dieser Beruf allen offen, die gerne mit Kopf und Händen arbeiten und am Ende sehen wollen, was sie gebaut haben.