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Ein Plan für Tüftler

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Die Umsteigezeit ist knapp: Weshalb fährt der Anschlusszug nicht zwei Minuten später ab? Ein Zug ist überfüllt und die Perrons sind zu kurz, um mehr Wagen anzuhängen. Wäre es nicht sinnvoll, den Takt zu verdichten? Das sind Fragen, mit denen sich Angebotsplaner und -planerinnen auseinandersetzen. Die Netzgrafik als zentrales Arbeitsinstrument begleitet sie auf der unermüdlichen Suche nach dem optimalen Angebot.

Wenn neue Angebote zur Diskussion stehen oder bestehende Angebote angepasst werden sollen, dann werfen die Angebotsplaner/-innen einen prüfenden Blick auf die Netzgrafik: Das Zusammenspiel der verschiedenen Anbieter und Verbindungen ist so komplex, dass es viel Vorstellungskraft und Hintergrundwissen braucht, Netzgrafiken zu lesen und zu nutzen. Die Fragen, die sich die Angebotsplaner/-innen stellen, und ihr Vorgehen hängen vom Zeithorizont und Ausmass der angestrebten Angebotsänderung ab. Netzgrafiken als ihr wichtigstes Werkzeug existieren entsprechend den unterschiedlichen Fragestellungen für verschiedene Zeithorizonte, Regionen oder auch einzelne Konzepte.

Das Machbare im Fokus, die Kosten im Hinterkopf
Der Fahrplan des kommenden Jahres ist mit dem Fahrplanwechsel nahezu definitiv, ebenso sind die Fahrpläne der darauffolgenden Jahre weitgehend abgeschlossen. Kleinere Anpassungen sind noch möglich, beispielsweise wenn sich ein Angebot in der Praxis nicht bewährt oder sich unerwartete Defizite zeigen. Möglicherweise gibt es Bedürfnisanmeldungen durch Private, Verbände, Organisationen, Gemeinden, Kantone oder den Bund.

«Eine wichtige Grundlage bleibt stets die Netzgrafik, die, je näher der Zeithorizont rückt, umso stärker verfeinert wird.»
Lars Bärtschi, Angebotsplaner

Wird eine Anpassung ins Auge gefasst, dann greifen Angebotsplaner/-innen unter anderem zur entsprechenden Netzgrafik. Sie prüfen, ob noch irgendwo ein Zug dazwischengeschaltet werden kann, beurteilen die Auswirkungen, berücksichtigen, ob Anschlüsse weiterhin gewährleistet sind oder angepasst werden können. Besteht eine Variante diese Prüfung nicht, wird sie verworfen und die Suche beginnt von vorne. Oder eine Lösung wird für gut befunden. Dann werden Kantone und Gemeinden einbezogen, denn zusätzliche Verbindungen kosten und müssen finanziert werden. Das gilt insbesondere für den Regionalverkehr, wo das entsprechende Bahnunternehmen plant und verhandelt und das Grundangebot durch die Kantone als Besteller finanziell unterstützt wird. Im Fernverkehr erfolgt die ganze Planung in Zusammenarbeit mit der SBB als Konzessionsinhaberin und das Angebot ist stärker nachfrageorientiert. Entsprechend dominieren marktwirtschaftliche Kriterien.

Planen bis weit in die Zukunft
Angebotsplaner/-innen feilen nicht nur an den Fahrplänen der nächsten paar Jahre, sondern beschäftigen sich auch intensiv mit dem Angebot der kommenden Jahrzehnte. Denn Ansprüche und Bedürfnisse verändern sich. Die Planung des zukünftigen Angebots ist ein komplexes Zusammenspiel von Wünschen und Bedürfnissen, Nutzungs- und Entwicklungsprognosen, zum Beispiel zum Mobilitätsverhalten oder zur Pendlerentwicklung, aber auch von finanziellen und damit politischen Entscheiden. Auf zahlreichen Ebenen diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Gemeinden, Kantonen und Bund, Politiker/-innen, Repräsentant/-innen der Bahnunternehmen und – im Hintergrund mit dabei – die Angebotsplanerinnen und Angebotsplaner. Letztere können die Möglichkeiten und Konsequenzen von Entscheiden am besten abschätzen. Eine wichtige Grundlage bleibt stets die Netzgrafik, die, je näher der Zeithorizont rückt, umso stärker verfeinert wird.

«Ob kurz- oder langfristig, die Angebotsplanung ist stets auf der Suche nach der optimalen Lösung für alle Anspruchsgruppen.»
Lars Bärtschi, Angebotsplaner

Erst der Fahrplan, dann die Infrastruktur
Entsprechend dem Planungshorizont der Angebotsplaner/-innen gibt es nebst ausgereiften Netzgrafiken für die kommenden Jahre auch weit fortgeschrittene Entwürfe für die kommenden Jahrzehnte. So existieren zum Beispiel bereits Versionen für das Jahr 2035, wenn der sogenannte Ausbauschritt 2035 (STEP AS 2035) grössere Änderungen – neue Fahrzeiten, neue Taktlagen – mit sich bringen wird. Und es existieren Netzgrafikversionen bis ins Jahr 2050 und Ideen darüber hinaus.
Die Bezeichnung Ausbauschritt 2035 verrät es: Das Schienennetz wird dem gewünschten Angebot angepasst. Kapazitätsengpässe, die durch den nächsten Ausbauschritt im Schweizer Schienennetz entstehen, sollen mit passenden Infrastrukturmassnahmen behoben werden. Dazu gehören beispielsweise der Spurausbau zwischen Zürich und Winterthur oder der Zimmerbergbasistunnel II. Dabei handelt es sich um das standardmässige Vorgehen: Wenn die auf der Netzgrafik ersichtlichen Kapazitäten für geplante Angebotserweiterungen nicht ausreichend sind, hat dies die Planung und den Bau zusätzlicher Infrastruktur zur Folge.

Zwischen Perfektion und Machbarkeit
Ob kurz- oder langfristig, die Angebotsplanung ist stets auf der Suche nach der optimalen Lösung für alle Anspruchsgruppen. So einfach es von aussen erscheint, eine Zugabfahrt um zwei Minuten zu schieben, eine Komposition zu verlängern oder einen Takt zu erhöhen, so schwierig ist die Umsetzung. Die Dichte des Fahrplans, kompliziert, aber ebenso anschaulich illustriert durch die Netzgrafik, macht jede Anpassung zur Herausforderung. Hinzu kommen die Berücksichtigung verschiedenster Interessen und die Frage der Finanzierung. Das verlangt von Angebotsplaner/-innen Pragmatismus, Zugeständnisse und Ausdauer auf der Suche nach dem perfekten Angebot – oder dem besten Kompromiss

Vom Bähnlersohn zum Angebotsplaner
Wer in der Angebotsplanung arbeitet, muss vom Bahnvirus befallen sein – so wie Lars Bärtschi. Er ist kein «gelernter» Angebotsplaner. «Den gibt es nicht», meint er. Mit einem Vater als Bähnler hat er das Bahnvirus geerbt. Die «Eisenbahnrevue» habe ihn früher – paradoxerweise – stets auf Flugreisen begleitet, erinnert er sich, und auch die für ihn damals noch unverständliche Netzgrafik in einer jährlichen Sonderausgabe.
Lars Bärtschi machte eine Lehre als Kaufmann öffentlicher Verkehr, arbeitete im Störungsmanagement, landete irgendwann beim Datenmanagement Onlinefahrplan und von dort bei der Angebotsplanung. An der Angebotsplanung fasziniert ihn, dass am Ende alles zusammenpassen muss. Und er knobelt gerne. Für seinen Job brauche es Bahnwissen, Fantasie und die Fähigkeit, vernetzt zu denken. Denn das Ziel sei nicht einfach möglichst viele Züge, sondern Angebotsplaner/-innen möchten einen Fortschritt erreichen, ein Angebot, das die Bedürfnisse von Kundinnen und Kunden möglichst gut abdeckt.
Nach der perfekten Lösung suchen – das begeistert Lars Bärtschi am meisten. Dabei müsse man aufpassen, sich nicht zu verlieren, meint er. Wenn er am Ende eine Lösung findet, die vom Team und den Vorgesetzten für gut befunden wird, dann sei das ein Erfolgserlebnis. Die zweite wichtige Aufgabe von Lars Bärtschi lautet: verhandeln und mit guten Argumenten überzeugen. Aber nicht immer reichen gute Argumente bei der Abwägung zwischen Verkehrspolitik und Verkehrsplanung. Das brauche Ausdauer und man müsse mit Widerstand, aber auch mit Misserfolgen umgehen können. Vielleicht heisse es dann am Ende: «Tolle Idee, aber nicht umsetzbar.»
Lars Bärtschi ist und bleibt ein begeisterter Bähnler. «Entweder es packt dich oder dann eben nicht», sagt er. Ihn hat es offensichtlich gepackt. Pfeife und Wagenschlüssel hängen immer noch an seinem Schlüsselbund, obwohl längst nicht mehr im Einsatz.

Fahrplanentwurf
Unter oev-info.ch können jeweils zwischen Ende Mai und Anfang Juni Kommentare zum Fahrplan für das kommende Fahrplanjahr abgegeben werden. Kundinnen und Kunden können sich auch direkt an den SOB-Kundendienst wenden oder via Gemeinde oder Kanton Wünsche einbringen.

Text: Esther Volken
Grafik/Fotos: SOB

Die Netzgrafik – ein Labyrinth von Verbindungen

Die Netzgrafik gibt Auskunft darüber, welche Kapazitäten während einer typischen Fahrplanstunde im Personen- und Güterverkehr gesichert sind. Berücksichtigt werden die Fahrzeiten aller Anbieter auf allen Normalspurtrassen. Ohne spezielles Vorwissen ein schwer zu erfassendes, dichtes Geflecht von Kästen, Linien und Zahlen, für Angebotsplaner/-innen hingegen ein alltägliches Werkzeug.

Die gelben Flächen, bezeichnet mit den Ortschaftsnamen, repräsentieren die Bahnhöfe. Deren Darstellung im Plan erinnert an ihre geografische Verteilung, so stilisiert, dass die vorhandenen Verbindungen möglichst gut aufgezeigt werden können. Die Linien zeigen die bestehenden Verbindungen: Rote Linien zeigen Fernverkehrsverbindungen, schwarze stehen für Regionalverkehr, blaue für Güterverkehrslinien. Ausgezogene, unterbrochene und kombinierte Varianten ermöglichen die Unterscheidung zwischen stündlichem, zweistündlichem und anderem Takt, zum Beispiel eine Verbindung, die nur zu Hauptverkehrszeiten besteht.

Die Punkte auf den Linien stellen nicht aufgeführte Bahnhöfe dar, bei Kreisen mit genannter Anzahl sind es mehrere Bahnhöfe.

Die Zahlen bei den gelben Flächen zeigen die Ankunfts- respektive Abfahrtszeiten an den Bahnhöfen, wobei die dem Bahnhof näher stehende Zahl jeweils die Ankunfts-, die weiter entfernte die Abfahrtszeit repräsentiert. Die Zahlen in eckigen Klammern zeigen die minimale Umsteigezeit an einem Bahnhof, sofern diese vom Standard von zwei Minuten abweicht.

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