Längere Züge, dichtere Fahrpläne oder neue Haltestellen: Das Bahnnetz der SOB entwickelt sich ständig weiter. Dabei bringt die Netzentwicklung die Anforderungen diverser Anspruchsgruppen unter einen Hut, um den Marktbedürfnissen der Zukunft gerecht zu werden.
«Wir sorgen dafür, dass das Streckennetz auch in Zukunft zu den Anforderungen des Marktes passt», beschreibt Stefanie Steiner ihre Arbeit in der Netzentwicklung. Sie leitet das Ressort und übersetzt mit ihrem Team die Bedürfnisse verschiedener Anspruchsgruppen immer wieder in Anforderungen an die Infrastrukturanlagen der SOB. Denn Mobilitätsbedürfnisse verändern sich stetig. Gemeinden und Kantone entwickeln ihre Regionen weiter, Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) setzen modernere und teilweise auch längere Züge ein, und Reisende erwarten eine vernetzte Mobilität mit guten Anschlussmöglichkeiten. Damit das Streckennetz der SOB mit diesen Entwicklungen Schritt hält, braucht es Menschen, die heute schon an morgen und übermorgen denken und nötige Massnahmen systematisch planen. Diese Aufgabe liegt in den Händen der Netzentwicklung.
Von der Anforderung zum Projekt
Das Ressort ist Anlaufstelle für Kantone, Gemeinden und EVU, die ihr Angebot ausbauen wollen. Ausgangspunkt ist immer ein konkretes Bedürfnis, das einen Einfluss auf das SOB-Bahnnetz hat. Möchte ein EVU künftig mit längeren Zügen unterwegs sein, hat das direkte Auswirkungen auf die Infrastruktur: Perrons müssen verlängert werden, damit alle Türen am Bahnsteig öffnen können. Oder wenn in einem Angebotskonzept vorgesehen ist, dass künftig statt eines Stunden- ein Halbstundentakt gelten soll, stellen sich diverse Fragen: Braucht es zusätzliche Kreuzungsmöglichkeiten, Beschleunigungen auf der bestehenden Infrastruktur oder sogar einen Doppelspurausbau? Die Netzentwicklung übersetzt zukünftige Angebotsideen in konkrete Anforderungen an die bestehende Infrastruktur – etwa an Bahnhöfe, Strecken oder den Betrieb.
Konkret heisst das, dass die Netzentwicklung gemeinsam mit dem Portfoliomanagement der SOB – das die Infrastrukturprojekte in Auftrag gibt und steuert – priorisiert und prüft, welche Massnahmen notwendig sind und welche Infrastrukturanlagen von den neuen Anforderungen betroffen sind. Dabei betrachten die Fachpersonen jedes Vorhaben ganzheitlich: Stehen an einem Bahnhof ohnehin weitere Anpassungen an, werden diese wenn möglich direkt in die Projektplanung aufgenommen. Ziel ist es, Projekte so früh wie möglich sauber aufzusetzen und Rahmenbedingungen klar zu definieren. Ein strukturiertes Anforderungsmanagement ist dabei entscheidend, da es Klarheit schafft und sicherstellt, dass Projekte zielgerichtet umgesetzt werden. Denn: «Ich könnte einem Projektleiter sagen: ‹Bau mir ein Haus› – und jeder würde ein anderes bauen. Deshalb sind detaillierte Anforderungen so wichtig», sagt Stefanie.
Bei jedem Projekt verfolgt die Netzentwicklung ein klares Prinzip: Nicht möglichst viel neu bauen, sondern das bestehende Netz möglichst optimal nutzen. Besonders wichtig ist, mehr Kapazität aus dem vorhandenen Netz herauszuholen. Jeder Sachverhalt wird deshalb sorgfältig geprüft: Braucht es wirklich einen Neubau? Oder lässt sich der Bedarf auch mit cleveren betrieblichen Lösungen decken? «Unsere Aufgabe ist es, Anforderungen kritisch zu hinterfragen und auch bewusst Nein zu sagen, wenn sie keinen Mehrwert bieten», sagt Stefanie. Auf die Netzentwicklung prasseln von verschiedenen Seiten viele Anforderungen und Bedürfnisse ein. Bevor neue Projekte umgesetzt werden, hat jedoch der Substanzerhalt oberste Priorität.
Viele Interessen, ein Ziel
Alle Optimierungen am SOB-Bahnnetz zielen darauf ab, dass das Bahnangebot für die Reisenden bestmöglich funktioniert. «Wir haben den Anspruch, die Strecke so zuverlässig zu machen, dass Reisende möglichst keine Anschlussbrüche haben und pünktlich ans Ziel kommen», sagt Stefanie über ihre Arbeit. Da die Kantone und Gemeinden ihre Regionen weiterentwickeln, prägen sie damit die zukünftige Nachfrage im öffentlichen Verkehr. «Für uns ist es wichtig, diese Anspruchsgruppen früh einzubeziehen, ihre Bedürfnisse aufzunehmen und die Projekte gemeinsam zu koordinieren», erklärt Stefanie. So klar das Ziel der Netzentwicklung ist, auf dem Weg dorthin gilt es, im komplexen Spannungsfeld zwischen Kundennutzen, Wirtschaftlichkeit und Vorgaben Entscheidungen zu treffen. Die unterschiedlichen Erwartungen und Anliegen der Parteien verlangen eine genaue Abwägung: «Erhalten wir eine neue Vorgabe, beispielsweise vom Bundesamt für Verkehr (BAV), können wir diese nicht ablehnen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir uns nicht hinter Normen verstecken, sondern auch bewusst andere Lösungen vorschlagen», sagt Stefanie. Ein aktuelles Beispiel: Kürzlich bekam die SOB die Rückmeldung, dass der Lift in Schindellegi zu klein für E-Bikes sei. Solche Anfragen werden nicht isoliert betrachtet, sondern kritisch hinterfragt und im Gesamtkontext bewertet. In einem solchen Fall prüft die Netzentwicklung, wie gross der Bedarf tatsächlich ist und ob Baumassnahmen gebündelt werden können.
Entscheidungen mit Weitblick
Wie dieses Beispiel zeigt, gehören solche Entscheide zu Stefanies Alltag. Wer in der Netzentwicklung Fuss fassen will, braucht vor allem die Fähigkeit, das Gesamtsystem Bahn im Blick zu behalten und aus vielen unterschiedlichen Bedürfnissen die beste Lösung zu entwickeln. Dafür braucht es neben technischem Verständnis vor allem eine gute Kommunikationsfähigkeit, um alle Betroffenen adressatengerecht abzuholen. «Ich habe eine Drehscheibenfunktion und schaue, dass unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht werden und tragfähige Lösungen entstehen», sagt Stefanie. Die Netzentwicklung beschäftigt sich mit Infrastrukturprojekten, die heute angegangen werden, und bestimmt damit, was morgen und übermorgen funktionieren soll. Einerseits macht das den Beruf von Stefanie spannend, andererseits besteht darin auch die grösste Herausforderung. Denn wie sich Gesellschaft, Wirtschaft, Politik oder Technologien entwickeln werden, lässt sich nur bedingt vorhersagen. «Wir arbeiten mit Annahmen – behaftet mit Unsicherheiten – und müssen auf dieser Basis die bestmöglichen Entscheidungen für morgen fällen», sagt Stefanie. Genau diese Herausforderung motiviert sie: trotz aller Ungewissheiten Entscheidungen zu treffen, die langfristig Bestand haben und das Bahnangebot für die Reisenden verbessern. Gleichzeitig gehört dieser Blick nach vorne auch zum Selbstverständnis der SOB: Entwicklungen früh erkennen, Innovationen vorantreiben und das Bahnnetz aktiv weiterentwickeln.
Text: Jil Rietmann, Fotos: Thomas Lutz