Bahnwissen

Ohrenschwellen für die Schweiz

| Bahnwissen

Wieder einmal nimmt die SOB in der Schweizer Bahnlandschaft eine Vorreiterrolle ein. Als erstes Bahnunternehmen setzt sie auf ihrer Strecke die neu entwickelte Ohrenschwelle ein. Das SOB-Netz eignet sich wegen der engen Kurvenradien besonders für diesen Pilotversuch, und die neuen Schwellen sollen für die SOB nicht ganz unwesentlich – die Unterhaltskosten senken.

Ohrenschwellen sind Betonschwellen und heissen in Fachkreisen auch HD-Schwellen oder Heavy Duty Sleeper. Nachdem diese in Österreich auf verschiedenen Strecken bereits seit mehreren Jahren erfolgreich im Einsatz gewesen sind, führt die SOB dieses Jahr einen Pilotversuch in der Schweiz durch. Im Rahmen des «Clusters Süd», bei dem während der Sommerferien die gesamte Strecke Samstagern–Wilen bei Wollerau modernisiert wird (siehe Seite 16), baut die SOB im Bereich der engsten Kurven – unterhalb von Samstagern beträgt der Kurvenradius lediglich 221 Meter – die neuen HD-Schwellen ein.

Breiter und deshalb stabiler

In der Schweiz sind neben Betonschwellen auch Schwellen aus Stahl oder Holz im Einsatz. Die SOB verfolgt allerdings seit einigen Jahren die Strategie, in ih rem Hauptnetz vorwiegend Betonschwellen einzusetzen, um die Lebensdauer der Gleise zu erhöhen. Stahlschwellen verbaut sie auf schwächer belasteten Strecken und eliminiert dadurch nach und nach die ökologisch heiklen, in Teeröl getränkten und unwirtschaftlichen Holzschwellen. Im Vergleich zu Stahl- und Holzschwellen haben Schwellen aus Beton per se ein sehr gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis und sind langlebiger als die Alternativen. Die Ohrenschwellen, deren Form sa lopp ausgedrückt an einen Hundeknochen erinnert, toppen das dank ihrer breiteren Auflagefläche noch. Im Gegensatz zu den in der Schweiz bekannten und weit verbreiteten Betonschwellen B91 sind die Ohrenschwellen fast doppelt so breit, deutlich schwerer – 450 anstatt 290 Kilogramm – und vierfach statt nur zweifach mit der Schiene verbun den. Dank der breiteren Auflagefläche minimiert sich die Belastung auf den Schotter und den Unterbau. Durch diese Eigenschaft wird eine wesentlich bessere Gleisla gestabilität erreicht. Dadurch muss das Gleis weniger ge stopft werden, was die Unterhaltskosten im Vergleich zu Stahl- und Holzschwellen oder den B91-Betonschwellen erheblich senkt. Ein weiterer Vorteil der HD- gegenüber der B91-Schwelle ist, dass Erstere in engen Kurven mit Radien unter 250 Meter eingesetzt werden kann. Auf dem Netz der SOB gibt es eine Vielzahl davon, wie eben bei Samstagern. Der erwähnte Pilotversuch der SOB im kommenden Sommer ist auch für die anderen Schweizer Bahnen von Interes se. Aus diesem Grund sind auch die SBB und die BLS im erforderlichen Zulassungsprozess für die HD-Schwelle in volviert. Sie beabsichtigen, diese Schwellen künftig auf bestimmten Streckenabschnitten ebenfalls einzusetzen.

Mehr Züge, weniger Kosten?

Die Kosten der Bahninfrastruktur sind in der Schweiz seit Jahren ein heiss diskutiertes politisches Thema. Ei nerseits wurde festgestellt, dass über Jahre zu wenig für den Unterhalt aufgewendet und in die Erneuerung inves tiert wurde, was einen erheblichen Nachholbedarf nach sich zieht. Andererseits wollen Bund und Kantone deut lich mehr Züge fahren lassen und gleichzeitig die dafür notwendigen Budgeterhöhungen möglichst tief halten – wobei mehr Züge mehr Unterhalt und damit wiederum höhere Kosten zur Folge haben. In diesem Spannungsfeld sind gute Ideen gefragt. Die Bah nen sind laufend gefordert, wirtschaftlich bessere Lösun gen zu finden. Es ist das erklärte Ziel der SOB, in diesem Bereich schweizweit eine führende Position einzuneh men. Sie ist eine Innovationstreiberin und verhilft neu en Lösungen mittels Pilotinfrastruktur zum Durchbruch, z.B. der Schwellenbesohlung, die sie 2015 verbaut hat. Ein entscheidender Faktor ist dabei das Zusammenspiel von Erneuerungs- und Unterhaltskosten: Mit Investitio nen in unterhaltsarme oder belastbarere Systeme können langfristig oft (Unterhalts-)Kosten eingespart werden. In diesem Sinne kommt dem bevorstehenden Pilotprojekt schweizweit eine besondere Bedeutung zu.

Text: Tim Büchele
Fotos: Stefan Obrist

nach oben