Bahnwissen

Die Schweiz fährt im Takt

| Bahnwissen

Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir uns den Bahnbetrieb kaum noch anders vorstellen können: Die Züge fahren regelmässig, im Takt – jede Stunde, jede halbe Stunde, jede Viertelstunde. Oft gilt das auch für die übrigen Verkehrsmittel des öffentlichen Verkehrs, sei es Bus, Schiff oder Bergbahn. Aber was bringt der Taktfahrplan, seit wann gibt es ihn und weshalb wurde er zum Grundprinzip im Schweizer öV-Netz?

Im Takt seit über vier Jahrzehnten
Der erste grosse Schritt erfolgte 1982: Es ist die Geburtsstunde des landesweiten Taktfahrplans. In den darauffolgenden Jahren wurde verdichtet, teilweise der Halbstundentakt eingeführt. Der nächste grosse Schritt erfolgte im Dezember 2004 mit der konsequenten Einführung des Knotensystems im Fernverkehr – ein wichtiger Meilenstein bei der Umsetzung des Projekts Bahn 2000. Als sogenannte «Knoten» wurden grössere Bahnhöfe definiert, so dass die Reisezeit zwischen Knoten knapp unter einer halben oder einer ganzen Stunde liegt. So treffen die Züge kurz vor der vollen oder halben Stunde beim Knoten ein und fahren kurz danach wieder ab. Über die Jahre wurden auch die Fahrpläne im Regionalverkehr angepasst und zeitlich auf die Knoten ausgerichtet. Dadurch entstehen regelmässige und gut merkbare Anschlüsse in alle Richtungen.

Das Ziel: Umsteigen wird zumutbar
Bis zur Realisierung des Taktfahrplans verlangte komfortables Reisen nach einer Direktverbindung. Der Taktfahrplan führte dazu, dass Umsteigen mit weniger Nachteilen verbunden war. Wenn der Anschluss gut ist und die Verbindung gewährleistet, wenn dadurch die Anzahl an Verbindungen deutlich gesteigert werden kann, dann wird Umsteigen eine akzeptable Option. Mit der kontinuierlichen Verbesserung des Taktfahrplans über die Jahre haben sich die Reisenden in der Schweiz daran gewöhnt – sie können sich in vielen Fällen darauf verlassen, dass sie einen guten Anschluss haben.
Insbesondere in Bezug auf den Regionalverkehr ist die Schweiz eine Besonderheit, indem Verbindungen bis in ländliche Regionen funktionieren. So gibt es beispielsweise eine stündliche Verbindung zwischen Mogelsberg und Lavorgo – mit erstaunlich kurzer Reisezeit und guten Anschlüssen. Das schweizerische System setzt konsequent auf Anschlüsse und Netzlogik, während in vielen Ländern Europas die Direktverbindungen zwischen grossen Zentren stärker im Vordergrund stehen.

Was bringt der Takt?
Mit dem Taktfahrplan die Reisenden dazu bewegen, dass sie Verbindungen mit Umsteigen in Kauf nehmen – und welche Vorteile haben sie davon? Bahnkundinnen und -kunden in der Schweiz profitieren in vielfältiger Weise, nur sind wir uns dessen kaum noch bewusst. Wir sind es uns gewohnt, dass es einfach ist, sich eine Verbindung zu merken: Wenn wir eine Stunde später unterwegs sind, dann ändert sich nur die Stunde, die Minuten bleiben gleich. Ausserdem sind die gute Erschliessung und funktionierende Anschlüsse längst selbstverständlich geworden – wir warten ungern und längere Wartezeiten sind selten. Nicht zuletzt dank des integralen Taktfahrplans, der nahezu alle Verkehrsmittel des öffentlichen Verkehrs einbindet, ist der Marktanteil des öffentlichen Verkehrs im Vergleich zu anderen Ländern hoch.

Der Takt als Ergebnis von Nachfrage, Netz und Machbarkeit
Nicht immer und überall ist der Takt perfekt: Abweichungen ergeben sich in Randzeiten, wenn die Nachfrage deutlich geringer ist respektive während der Hauptverkehrszeiten mit einer deutlich grösseren Nachfrage. Mit «Verstärkerkursen», also zusätzlich gefahrenen Verbindungen, oder einem ausgedünnten Angebot wird einer sehr variablen Nachfrage Rechnung getragen. Der Takt wird auch dann zweitrangig, wenn sich ein Angebot an eine bestimmte Gruppe richtet. So gibt es Buslinien, die auf die Schulzeiten abgestimmt sind, weil sie primär von Schülerinnen und Schülern genutzt werden. Nebst räumlichen und zeitlichen Unterschieden in der Nachfrage ist die angestrebte Qualität des Angebots ein wichtiger Grund für die unterschiedlichen Takte. Beinahe ebenso relevant ist das Zusammenspiel, die sogenannte Netz- und Anschlusslogik. An den Knoten, aber auch an den Umsteigeplätzen dazwischen müssen Ankunfts- und Abfahrzeiten zusammenpassen. Die Finanzierbarkeit ist selbstverständlich ein zentrales Kriterium und die vorhandene Infrastruktur setzt den Rahmen des Möglichen. Dazu gehören freie Trassen, Kreuzungsmöglichkeiten, Perronlängen und Wendezeiten.
Bund, Kantone und EVU erarbeiten und definieren gemeinsam das nationale Angebot. Das weitere, regionale Angebot, z.B. Bus etc., wird in der Regel danach ausgerichtet.

Blick zurück und in die Zukunft
Seit der Geburtsstunde des Taktfahrplans wird das Konzept stetig weiterentwickelt: Hie und da mit grösseren Ausbauschritten im Zusammenhang mit Infrastrukturausbauten. Oder im Kleinen – mit Optimierungen oder Angeboten zu Randstunden oder nachts.
Mit Blick nach vorne stösst der Taktfahrplan jedoch zunehmend an natürliche Grenzen: Dicht belegte Knoten, stark ausgelastete Strecken und enge Zeitfenster lassen keine beliebige Verdichtung zu. Jeder zusätzliche Halt, jeder dichtere Takt und jede zusätzliche Linie erhöht die Komplexität im Gesamtsystem und erfordert entsprechende Infrastrukturkapazitäten sowie stabile Betriebsabläufe. Die Weiterentwicklung des Taktfahrplans wird deshalb eng mit geplanten Ausbauschritten verknüpft, wie sie etwa im Rahmen des Horizont 2035 und weiteren Langfristperspektiven verfolgt werden. Ziel ist es, auf den stark nachgefragten Fernverkehrsachsen schrittweise dichtere Angebote – beispielsweise Viertelstundentakte auf Hauptkorridoren – zu ermöglichen und gleichzeitig die Stabilität des Systems zu sichern.

Der neue Fahrplanentwurf
Seit 21. Mai 2026 ist der neue Fahrplanentwurf online verfügbar: Scheinbar nur in Nuancen anders als der aktuelle Fahrplan – und dennoch das Resultat vieler Arbeitsstunden, Workshops und Diskussionen. Ein unvorstellbar komplexes Gebilde, erneut verbessert, ausgefeilt, aber «nur» fast perfekt. Das sind sich die Planerinnen und Planer bewusst. Rückmeldungen – Wünsche, Vorschläge, Inputs – sind möglich und werden gerne entgegengenommen. Meist ist eine Berücksichtigung auf den kommenden Fahrplan nicht möglich, aber auf das zukünftige Angebot können Rückmeldungen einen Einfluss haben. Der Prozess der Optimierung geht weiter.

Möchten Sie einen Blick in den Fahrplanentwurf fürs 2027 werfen? Haben Sie Wünsche oder Ideen für Anpassungen? Unter oev-info.ch können ab sofort bis 9. Juni Kommentare zum Fahrplan für das kommende Fahrplanjahr abgegeben werden.

Text: Esther Volken
Grafik/Fotos: Wikimedia Commons / SOB

nach oben