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Die erste Flirt-Generation der SOB wird fit gemacht

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Seit 15 Jahren rollen die Flirt-Triebzüge auf den Linien der Südostbahn. Bei der ersten Fahrzeuggeneration der Flirt-Flotte hat der Betrieb über abertausende von Kilometern Spuren hinterlassen. Deshalb werden sie nun aufgearbeitet.

Rund 2,5 Millionen Kilometer: Diese unglaubliche Strecke hat der Flirt 041 «Mythen» in den letzten 15 Jahren zurückgelegt. Insgesamt gehören elf Flirt-Züge zu dieser Generation in der SOB-Flotte. Damit die Fahrzeuge auch in der zweiten Phase ihrer Nutzungsdauer sicher und zuverlässig unterwegs sind, plant die Schweizerische Südostbahn AG (SOB) diverse Revisions- und Erneuerungsarbeiten – etwa, weil gewisse Komponenten ihre Lebensdauer erreicht haben. Drei verschiedene Projekte sorgen dafür, dass die Flotte Stück für Stück aufgefrischt wird. Beteiligt sind nebst der betriebseigenen Instandhaltung der SOB auch die Stadler Service AG in Frauenfeld und die SBB-Werkstätten in Bellinzona.

Das sind die drei Teilbereiche der Revision:

1. Ersatz der technischen Fahrgastsysteme

Die Systeme für die Fahrgastinformation, Kameraüberwachung und Fahrgastzählung sowie die zugehörigen übergeordneten Systeme – APFZ genannt – ersetzt die SOB vollständig. Durch das neue APFZ-System wird auf technischer Ebene eine Angleichung an das System der Flirt 3 und Traverso-Flotte und damit an den heutigen Stand der Technik erreicht. Das System besteht im Wesentlichen aus den folgenden Teilen:

Die IT-Fahrzeugplattform und das zugehörige Multimedianetzwerk stellen die Verbindung der einzelnen APFZ-Komponenten, die zentrale Bedienung der Systeme aus dem Führerstand, die Schnittstelle zur Fahrzeugleittechnik sowie die Kommunikation «nach Aussen» zum Flotten-Management-System sicher. Damit werden Daten zum Fahrzeugzustand direkt in die Servicezentren übermittelt.

Das Fahrgastinformationssystem (FIS) ist zuständig für die optische und akustische Kundeninformation im Zug. Es steuert die Aussenanzeigen an Front und Seite sowie die Innenanzeigen und Bildschirme auf den Einstiegsplattformen. Möglich ist etwa die Anzeige der Informationen zum Fahrziel, nächstem Halt oder Anschlüssen.

Die zugweite Kommunikation zwischen Personal und Fahrgästen wickelt die Telefon- und Lautsprecheranlage ab. Zum einen sind manuelle Live-Durchsagen vom Personal über die Mikrofone in den Führerständen möglich. Zum anderen werden die Lautsprecherdurchsagen, die das FIS bereitstellt, über die das System ausgegeben. Zum System gehören auch die Notrufsprechstellen, die entweder in den besetzten Führerstand oder direkt zur Transportpolizei gehen. 

Für die Kundinnen und Kunden sind im Bereich der APFZ-Erneuerung kaum Änderungen sichtbar, da alle Anzeigen durch neue derselben Grösse und im selben Gehäuse ersetzt werden. Projektleiter François Cosandey meint: «Wer genau hinschaut, wird die Änderungen bei der Schriftfarbe der Aussenanzeigen sowie das Aussehen der Not-/Hilferufsprechstellen aber erkennen». Für das Lokpersonal sind die Änderungen hingegen offensichtlich. Das bestehende Bediengerät für das Kundeninformationssystem wird jenem aus der Traverso-Flotte angeglichen und ist somit einfacher zu bedienen.

Das erste Fahrzeug (Flirt 041 «Mythen») hat die Stadler Service AG in Frauenfeld bereits als Prototyp umgebaut und befindet sich aktuell in der Typentest- und Abnahmephase. Die verbleibenden zehn Flirt 1 werden ab Anfang Oktober 2022 bis Ende 2023 nacheinander ebenfalls bei Stadler umgebaut.

2. Revision im SOB-Service-Zentrum

In einem zweiten Projektbereich des Refit werden SOB-intern verschiedene Komponenten ausgetauscht und aufgearbeitet. Die meisten Arbeiten führen die Mitarbeitenden der Service-Zentren während der bestehenden Stillstandzeiten durch. Einige grössere Arbeitspakete werden so aufeinander abgestimmt, dass die Fahrzeuge nur für kurze Zeit nicht im Einsatz stehen können. Ziel ist es, den grossen Teil dieser Arbeiten bis zum Start der externen Revision in den SOB Service-Zentren abzuschliessen. «Während der Revision in der betriebsnahen Instandhaltung werden die Fachspezialisten unterschiedliche Komponenten der Stromrichter und Traktionstransformatoren reinigen oder ersetzen und im Pneumatiksystem die rund 180 Pneumatikventile tauschen und revidieren», sagt Projektleiter François Cosandey. Frontscheinwerfer werden ebenso wie die Fahr- und Bremsschalter ausgetauscht oder überarbeitet.

Bei der Klimaanlage wird gleichzeitig mit deren Revision auch eine CO2-Steuerung eingebaut. Bisher wurde in der Flirt 1-Generation über die Belastung der Luftfederbalge die Beladung des Zuges gemessen und danach die Intensität der Klimatisierung gesteuert. Künftig wird die Steuerung aufgrund der Luftqualität vorgenommen.

Im Wageninneren werden gewisse Erneuerungen dieses Projektteils auch für die Fahrgäste sichtbar: Dort ersetzt das Team der Servicezentren beschädigte Tische und Piktogramme. Im WC werden unter anderem die Vakuumeinheiten und die Spiegel ersetzt. Weiter werden die Mitarbeitenden Anpassungen an das Behindertengleichstellungsgesetz vornehmen: Dazu gehören neue kontrastreichere Farbringe an den Türtastern.

3. Externe Revision in Bellinzona

Der aufwändigste Teil der Refit-Arbeiten erfolgt durch die SBB-Werkstätten in Bellinzona von Anfang 2024 bis Mitte 2025. Projektleiter François Cosandey erklärt: «Während der externen Revision müssen wir die Fahrzeuge in einzelne Wagen trennen, um die Arbeiten auszuführen.» Punktuell repariert werden dabei die Lackierung der Wagenkasten, Frontkabinen und Wagenübergänge. Zusätzlich wird schadhafte Fahrzeugbeschriftung ersetzt. Für die Kundinnen und Kunden wird dies das äusserlich auffälligste Merkmal an den überarbeiteten Fahrzeugen sein. 

Im Fahrgastraum werden die korrodierten Sitzkisten repariert, der Fussbodenbelag der 2. Klasse und der Teppich in der 1. Klasse getauscht. «Zusätzlich lassen wir die Sitzbezüge in der 1. und 2. Klasse erneuern», sagt Cosandey. Dazu finden weitere versteckte Arbeiten statt, etwa bei Lampenabdeckungen, Luftkanälen, Heizkörpern oder Einstiegstürantrieben. Diverse Anpassungen rund um die Fenster in der Kabine des Lokpersonals sorgen zudem dafür, dass sich Windgeräusche während der Fahrt für das Personals deutlich reduziert.

Zudem ist die Unterbodensanierung des WC-Wagens wegen schadhafter Beschichtung nötig. Weiter werden die Wellenbälge und die Kugelgelenke der Gelenkverbindung an den Wagenübergängen ersetzt und Schäden am Wagenkasten und an der Frontkabine repariert.

Eine Liste mit hunderten Punkten

Bei der Sanierung der bestehenden Flotte stehen Sicherheit, Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit an erster Stelle. Denn gerade für diese Aspekte werden die Fahrzeuge auch von den Kundinnen und Kunden im S-Bahn-Betrieb geschätzt. Für die sorgfältig geplanten Revisionsarbeiten sind Kosten von rund 19 Millionen Franken veranschlagt.

Auch wenn die Arbeiten nun langsam anlaufen werden, Projektleiter François Cosandey ist schon monatelang mittendrin in der Planung: «Wir sind nun daran, die Arbeiten für jedes einzelne Fahrzeug der Flotte auf den passenden Zeitpunkt zu takten.» Für ihn und sein Team heisst es dabei auch, den Überblick zu bewahren: Allein beim Ersatz des APFZ-Systems stehen über 400 einzelne Punkte auf dem Revisionsplan.

Text: Conradin Knabenhans
Bilder: Florian Huber/Markus Schälli/Archiv SOB

Bericht Tessiner Fernsehen

Das Tessiner Fernsehen RSI hat am 4. Mai 2022 in der Sendung «Il Quotidiano» über die geplanten Arbeiten berichtet.

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