Drei Jahrzehnte lang waren die «Neuen Pendelzüge» das Rückgrat des Regionalverkehrs der Südostbahn. Tag für Tag verbanden sie Regionen, überwanden Steigungen und bewältigten das Verkehrsaufkommen auf dem Voralpen-Express ebenso wie im S-Bahn-Netz. Kein Prestigeprojekt, sondern ein funktionales Fahrzeug für den täglichen Einsatz: Motorwagen, Steuerwagen und bei Bedarf ein oder mehrere Zwischenwagen. Ein flexibles Baukastensystem, das sich überall einsetzen liess. Robust, wendig, zuverlässig. Ein Zug, auf den man sich verlassen konnte. Mit der letzten Fahrt im Herbst 2025 endete dieses Kapitel Eisenbahngeschichte – und für viele Reisende ein Teil des Alltags.
Warum er gehen musste
Seine letzten Fahrten absolvierte der NPZ auf der S27 zwischen Siebnen-Wangen und Ziegelbrücke – dem sogenannten «March-Shuttle». Eine kurze Linie, aber für viele Fahrgäste ein vertrauter Begleiter. Pneumatische Türen, das typische Rattern beim Anfahren und der charakteristische Klang – hier blieb bis zuletzt der ursprüngliche Charakter des Pendelzugs spürbar.
Trotzdem hatte er keine Zukunft. Technisch waren die Fahrzeuge zwar weiterhin betriebsfähig, doch das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) stellte klare Anforderungen an das Rollmaterial mit Niederflureinstieg, Informationssystemen und Platz für Rollstühlen und gab eine Umsetzungsfrist vor. Der NPZ erfüllte diese Ansprüche nicht. Ein Umbau wäre aufwendig und wirtschaftlich nicht sinnvoll gewesen. Sein Einsatz endete deshalb nicht wegen technischer Mängel, sondern weil sich die Standards geändert hatten.
Sein Nachfolger: Flink, leicht, innovativ
Seit 2007 setzt die Südostbahn schrittweise auf Flirt-Züge – Flirt steht für «Flinker, leichter, innovativer Regional-Triebzug». Diese Fahrzeuge sind klimatisiert, leiser, energieeffizient und vollständig barrierefrei. Info-Displays, Steckdosen und automatische Schiebetritte gehören ebenso zum Standard wie moderne Sicherheits- und Diagnosesysteme. Für die Fahrgäste bedeutet der Wechsel deutlich mehr Komfort.
Auch für das Lokpersonal ändert sich die Arbeit grundlegend. Während beim NPZ viele Funktionen noch direkt und mechanisch bedient wurden, ist der FLIRT ein digitaler Triebzug mit Leittechniksystemen, Bildschirmen und moderner Störungsanalyse. Viele Funktionen erfolgen weiterhin manuell, werden aber durch die Fahrzeugleittechnik elektronisch unterstützt, etwa das Beschleunigen und das Bremsen. Störungen werden nicht mehr mit Handbuch und Meldelampen gesucht, sondern über die angezeigten Diagnosemeldungen am Bildschirm erkannt. Für die Südostbahn bedeutet diese Modernisierung eine vereinheitlichte Flotte, weniger Schulungsaufwand und eine höhere Einsatzflexibilität. Doch bevor der NPZ endgültig verschwindet, lohnt sich ein Blick zurück auf seine Geschichte.
Vom grünen Klassiker zum roten Pendelzug
Die NPZ der Südostbahn gab es in zwei Generationen. Die älteren «NPZ-Ost» der Baujahre 1981–83 wurden auch als «Privatbahn-NPZ» bezeichnet, da diese zwischen 1981 und 1992 speziell für Schweizer Privatbahnen beschafft wurden. Die Triebzüge sollten standardisiert sein, um Kostenvorteile durch Gemeinschaftsbestellungen zu ermöglichen. Die Bodensee-Toggenburg-Bahn (BT) war damals eine der beteiligten Bahnen, die als privat betriebene Eisenbahngesellschaft mit Konzession (KTU) fungierte. Die Züge waren zunächst grün-creme lackiert. Später, nach der Fusion mit der Südostbahn im Jahr 2001, rot-grau. Sie prägten mit diesen Farben den Regionalverkehr der SOB bis 2019/20.
Die damalige Südostbahn erhielt rund zehn Jahre nach der Bodensee-Toggenburg-Bahn im Jahr 1995 ebenfalls vier zweiteilige NPZ. Bei diesen NPZ handelte es sich nicht mehr um die Privatbahnversion, sondern um die baugleiche Version, wie sie bei der SBB zum Einsatz kam. Die Triebwagen liefen ursprünglich als RBDe 566 und wurden im Zuge der TSI-Nummerierung zu RBDe 561 umgeschrieben. Die Fahrzeuge wurden ebenfalls in grün-creme abgeliefert. Das Design wurde gegenüber den älteren Fahrzeugen leicht modernisiert. Nach der Fusion im Jahr 2001 wurden sie innerhalb der SOB als «NPZ-Süd» bezeichnet. Diese Fahrzeuge waren rund 50 Meter lang, wogen 116 Tonnen, leisteten 1650 kW und erreichten 140 Kilometer pro Stunde. Im Laufe der Jahre wurden sie mehrfach revidiert.
Als die «NPZ-Ost» zum Fahrplanwechsel 2019 aus dem Verkehr genommen wurden, übernahm die jüngere Generation deren Aufgabe auf der S27. Vier Trieb- und vier Steuerwagen wurden eigens dafür aufbereitet, inklusive Einbau eines neuen Zugfunks und der Reaktivierung der Steuerwagen, damit der Betrieb zwischen Ziegelbrücke und Siebnen-Wangen sicher und zuverlässig blieb.
Auch einzelne Fahrzeuge fanden neue Wege. Ein Fahrzeugmangel führte im Jahr 2014 zum Zukauf eines weiteren NPZ-Triebwagens von der SBB – des RBDe 561 174. Statt ihn nach der Ausserbetriebnahme zu verschrotten, gab ihn die SOB im Herbst 2024 an den Verein MThB-NPZ ab. Der Verein in der Ostschweiz hat es sich zur Aufgabe gemacht, den ursprünglichen «Neuen Pendelzug» der ehemaligen Mittelthurgau-Bahn (MThB) in seiner historischen Form zu erhalten und für Sonder- und Charterfahrten wieder betriebsfähig zu machen.
Dass dies möglich ist, liegt auch an der einfachen, robusten Technik der NPZ: bewährte Antriebs- und Bremssysteme, überschaubare Elektronik. Vieles lässt sich ohne komplexe Diagnosesysteme instand halten. Ein Vorteil für Vereine und deren Werkstätten.
Ausgemustert – aber nicht vergessen
Mit dem Abschied des NPZ endete ein Stück gelebter Alltagsgeschichte. Drei Jahrzehnte lang verbanden die Pendelzüge Regionen, brachten Menschen zur Arbeit, in die Schule oder in die Freizeit. Zuverlässig und ohne grosses Aufsehen.
Damit diese Geschichte weitergeht, setzt die SOB alles daran, die ausgemusterten Fahrzeuge möglichst an interessierte Vereine und Eisenbahnfreunde weiterzugeben, anstatt sie zu verschrotten. So bleiben Know-how, Erinnerungen und Technik erhalten und ein Teil der NPZ-Flotte als historische Fahrzeuge erlebbar.
Der «Neue Pendelzug» ist zwar aus dem regulären Fahrplan verschwunden, sein Erbe rollt jedoch weiter in Form historischer Züge und in guten Händen engagierter Eisenbahnfreunde. Es ist ein leiser Abschied von einem stillen Helden und zugleich der Beginn eines neuen Kapitels, in dem seine Geschichte weiterlebt.
Text: Brigitte Baur, SOB-Medienstelle, Foto: Michel Huber
