Mit Schiff und Voralpen-Express zum Sonnenaufgang auf die Rigi

| Geschichte

Zum Jubiläum «175 Jahre Schweizer Bahnen» erlebten Reisende eine aussergewöhnliche Fahrt: Mit dem Schiff über den Zürichsee, dem «Voralpen-Express» und den Rigi-Bahnen zum Sonnenaufgang auf die Königin der Berge. Ein Reisebericht.

Wo ist Osten? Wo ist Westen? Morgens um 4.45 Uhr ist das für manch einen Rigi-Reisenden gar keine so einfach zu beantwortende Frage. Zum Glück weisen rötlich gefärbte Streifen am Himmel schon einige Zeit vor dem eigentlichen Sonnenaufgang um 5.43 Uhr auf die richtige Richtung hin.

Der kalte Wind auf dem 1979 Meter über Meer gelegenen Rigi-Kulm und die Vorfreude auf die ersten Sonnenstrahlen, die bald zwischen den Berggipfeln der Umgebung auftauchen werden, lassen die 120 Fahrgäste der Sonnenaufgangsfahrt auf die Rigi die lange Anreise vergessen.

Aufgebrochen waren sie um 23.30 Uhr am Zürcher Bürkliplatz. Die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) brachte die Reisegruppe nach Rapperswil, von dort ging es mit dem «Traverso» der Schweizerischen Südostbahn AG (SOB) via Rothenthurm nach Arth-Goldau zum Ausgangspunkt der Rigi-Bahn.

Historische Routenwahl

Die Wahl der etwas speziell anmutenden Reiseroute via Zürichsee und Südostbahn nach Arth-Goldau kommt nicht von ungefähr. Diese Reise wurde Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und 1897 probehalber erstmals durchgeführt. Die damalige Südostbahn war nämlich zu dieser Zeit für einen Teil des Schiffsverkehrs auf dem Zürichsee zuständig und wollte – nebst besseren Verbindungen tagsüber – mit der Reise auf die Rigi wohl auch ein attraktives Freizeitangebot schaffen. (Lesen Sie mehr dazu hier auf SOBdirekt.)

Wie die Reise – damals via Wädenswil statt Rapperswil – verlief, ist leider nicht überliefert. Klar ist, dass die nächtliche Fahrt unregelmässig immer wieder angeboten wurde, ehe sie in den 1970er-Jahren mangels Nachfrage aus dem Angebot der Transportunternehmen verschwand. Zum Jubiläum «175 Jahre Schweizer Bahnen» legten ZSG, SOB und Rigi-Bahnen die Fahrt einmalig neu auf.

Vom Schlaf übermannt

Die Vorfreude auf dieses historische Erlebnis steht den Fahrgästen am Zürcher Bürkliplatz ins Gesicht geschrieben. An Bord des Motorschiffs «Uetliberg» wird auf die gemeinsame Reise angestossen, manch Fahrgast gönnt sich einen kleineren oder grösseren Mitternachtssnack auf der Fahrt den beleuchteten Ufern des Zürichsees entlang.

In Rapperswil sorgt die grosse Reisegruppe, insbesondere jene die mit Wanderrucksack unterwegs sind, bei Jugendlichen auf dem Weg in den Ausgang für Verwunderung. Was ist da los um 2 Uhr nachts? Um diese Zeit ist man am Bahnhof eigentlich unter sich. Während die Partygänger den Nachtzug besteigen, wird es in der Extrafahrt des «Voralpen-Express» deutlich leiser – während sich die einen in Zeitungsartikel vertiefen, schliessen andere (mehr oder weniger freiwillig) bereits einmal die Augen, um eine Runde zu schlafen.

Orgelkonzert mit Lichterglanz

In Rothenthurm steht kurz vor halb drei Uhr ein Zwischenhalt an. Dieser ist nicht nur wegen des kurzen Orgelkonzertes mystisch. In der grossen Kirche – 57 Meter lang und mit einem 65-Meter-Turm – hängt ein ebenso imposanter Kronleuchter. Das über fünf Meter hohe Objekt mit einem Durchmesser von rund vier Metern ist ein Geschenk des französischen Kaisers Napoleon III. Eigentlich war dieser ein Geschenk an das Kloster Einsiedeln, das Napoleon und seiner Mutter einst als Zufluchtsort diente. Als der Leuchter, der stilbedingt nie wirklich ins Kloster passte, abmontiert wurde, fand er über mehrere Umwege (mehr dazu im Blog des Nationalmuseums) bei der Kirchensanierung in den 1990er-Jahren den Weg nach Rothenthurm.

Die spezielle Fahrt machte es möglich, den Kronleuchter aus der Nähe zu bestaunen – er wurde extra von der Decke heruntergelassen. Reise-Initiant Walter Finkbohner machte dies durch seine zahlreichen Kontakte möglich.

In dunkles Blau getaucht

In Arth-Goldau geht es danach auf die letzte Etappe der Reise. Spätestens hier bemerken ziemlich alle Fahrgäste die ungewöhnliche Tageszeit für ein «Ausfährtli».

In absoluter Dunkelheit kriecht die Rigi-Bahn den Berg hoch. Als sich der Blick Richtung Kulm öffnet, ist der Himmel bereits in dunkles Blau getaucht. Die Morgendämmerung setzt langsam ein. Zu Alphornklängen und mit frisch gebackenen Brötchen aus der Bergwirtschaft spazieren die Nachtschwärmer über den Rigi-Kulm und suchen sich die beste Aussicht, um in den magischen Moment des Sonnenaufgangs einzutauchen und ihn festzuhalten.

Die spektakuläre Aussicht von der Königin der Berge über Seen und Gipfel fasziniert heute wie damals. Geändert hat sich seit 1897 wohl nur, dass heute Familien und Freunde von dutzenden Erinnerungsfotos auf dem Smartphone aus dem sonntäglichen Schlaf geweckt werden. Es sei den Gipfelbesteigern verziehen: Von dieser Reise will man tatsächlich möglichst schnell erzählen.

Text: Conradin Knabenhans
Fotos: Markus Steiner

Mehr Anlässe zum Jubiläum

Die Südostbahn lädt im Jubiläumsjahr «175 Jahre Schweizer Bahnen» an zwei Standorten zum Tag der offenen Tore. Am 11./12. Juni 2022 ist das Service-Zentrum in Herisau geöffnet, am 22./23. Oktober jenes in Samstagern. Details zu den Anlässen finden Sie hier: www.sob.ch/175

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